„Und gehorcht andern Gesetzen, gnädige Frau. Ein Leben, das früh und vehement beginnt, endet fast immer früh und matt. Nur seltene und hochbegabte Naturen machen Ausnahmen. Ich darf mich nicht zu ihnen rechnen, und so ist mein glühendster Wunsch denn der: so sei es früh, nur aber nicht matt! — Jenes Kind warf mich in alle Emotionen, von der unsäglichsten Freude bis zur namenlosesten Traurigkeit; von der glühendsten Eifersucht bis zum blindesten Vertrauen. Wenn sie mich anlächelte, traten mir zuweilen die Thränen in die Augen; wenn sie fröhlich umherhüpfte, jauchzte ich vor Vergnügen. Sie spielte leidenschaftlich gern Ball und Volant; wir trieben das stundenlang. Dann liefen wir um die Wette in der großen Allee von Pyrmont, sie lief, wie ein Vogel fliegt, so leicht, so geschwind; es ward mir schwer, sie zu überholen. Zuweilen ließ ich ihr absichtlich den Spaß, früher am Ziel anzulangen, als ich. Aber das merkte sie jedes Mal, und dann schüttelte sie ärgerlich das schöne glühende Lockenköpfchen. Einmal sollte ich sie haschen, und ziemlich ungeschickt fing ich sie bei ihren flatternden Locken und that ihr weh, so daß sie einen kleinen Schrei ausstieß. „O, ich bitte um Verzeihung!“ rief ich trostlos, und küßte ihre Locken, wie um den Schmerz wieder gutzumachen. Allein sie nahm es heftig übel! sie ging stolz von dannen, und ich dachte den ganzen einsamen Abend darüber nach, ob ich nicht am Besten thun würde, auf und davon zu gehen, in die weite Welt, um ihr nie mehr vor die schönen erzürnten Augen zu kommen. Als sie mir am nächsten Morgen am Brunnen freundlich Guten Morgen sagte, war mir zu Muth, als sei ich von einem Verbrechen freigesprochen.“
„Mein Gott!“ rief Tosca, und schlug erstaunt die Hände zusammen, „welch ein bezauberndes Kind muß das gewesen sein, und welch eine interessante Frau mag sie geworden sein!“
„Sie vergessen, daß die kleine Antonie ihren Zauber an einem funfzehnjährigen Knaben übte, der sie jetzt vermuthlich selbst mit ganz andern Augen betrachten würde. Ich habe nie wieder von ihr gehört. Nun aber, um zum Ende zu kommen! Die Fürstin von Waldeck gab einen Kinderball. Antonie, mit einem frischen Rosenkranz auf ihren prächtigen Locken, und mit einem langen rosenfarbenen Gürtel, sah aus wie Psyche, so lieblich und ätherisch. Ich bat sie um den ersten Walzer; und einen Augenblick nach mir bat ein andrer Knabe sie darum, und sie schlug es mir ab, und tanzte mit ihm, mit ihm, der kaum so groß als sie, und ein blasser, unschöner Knabe war, der ein wenig stammelte, und auf den ich mit unsäglicher Geringschätzung herab sah. Eine ihrer Gespielinnen wollte ihr zu meinen Gunsten Vorwürfe machen und ihr vorstellen, daß ich doch im Grunde das erste Recht hätte. „Nein, nein!“ rief sie sehr entschieden, „er ist kein Graf!“ Hätte sie gesagt: „Der Andre ist hübscher, oder ist mir lieber“ — das hätte ich ihr vergeben, denn es wäre nun einmal ihr Geschmack gewesen, und mein Selbstgefühl hätte mir vielleicht zugeflüstert, ihr Geschmack sei nicht der richtige. Aber dies Wort demüthigte mich fürchterlich, erstens, weil ich in der That kein Graf war und nicht wußte, welch Gewicht ich dagegen in die Wagschaale werfen könnte; zweitens, weil dieser Grund mir ihrer ganz unwürdig schien. Es kränkte mich über allen Ausdruck, meine Zärtlichkeit, meine Vergötterung an ein Mädchen verschwendet zu haben, das, als es zu wählen hatte, nur nach einer ganz inhaltlosen Aeußerlichkeit seine Wahl traf. Leidenschaftlich, wie ich war, fühlte ich mir förmlich das Herz im Busen umgedreht, und ein unerhörter Widerwille setzte sich darin gegen Frauenzimmer Ihres Standes fest. Sobald ich in Bonn erfuhr, Sie seien die Tochter einer Gräfin und eines Freiherrn, wachte meine alte Abneigung um so heftiger auf, je stärker die Anziehungskraft war, und von meiner fixen Idee beherrscht, benahm ich mich wie ein Verrückter, oder wenn Sie lieber wollen, wie ein dummer Junge. Und nun beschwör’ ich Sie, gnädige Frau, lachen Sie mich tüchtig aus.“
„Also ich war ganz, aber wirklich ganz unschuldig an Ihrem Benehmen, so daß, wäre mein Vater nicht Baron gewesen, Sie mit mir getanzt und meine Blumen nicht verschenkt hätten?“
„O nimmermehr!“
„Gott! Gott! wie freut mich das!“ sagte Tosca mit stillem Jubel und legte die Hand über die Augen. Dann erzählte sie ihm, wie sie eigentlich durch Friedrichs Bericht veranlaßt worden sei, ihm eine heimliche Freude machen zu wollen, und wie sie sich später halb todt gegrämt über ihre Unbesonnenheit, und über den Vorwurf, den sein Benehmen ihr darüber gemacht. „Aber dennoch bin ich Ihnen Dank schuldig, tiefen innigen Dank,“ schloß sie, „denn diese scharfe Warnung vor jeder Unbesonnenheit habe ich nie vergessen! Ohne es zu wollen, sind Sie vielleicht ein guter Schutzgeist für mich gewesen.“
„So wie Antonie mein böser Engel,“ sprach Sigismund traurig.
„Und was halten Sie denn jetzt von uns?“ fragte sie neckend. „Ihre Strafe sei eine Beichte.“
„Ich denke, daß in jedem Stande holdselige Erscheinungen selten — aber dennoch zu finden sind.“
„Sagen Sie das nur, oder denken Sie es wirklich?“