„Bah! mit achtzehn Jahren freut man sich zum Ball.“

Es kamen ein Paar alte Bekannte des Generals, um ihm Gesellschaft zu leisten; Tosca empfahl ihnen ihren Mann; es war ihr ungewohnt, ihn um diese Stunde zu verlassen. Dann fuhr sie fort mit Sigismund und Ignaz.

Der Saal war gedrängt voll Menschen. Sigismund setzte sich hinter Tosca; der Platz war ihm willkommen: er brauchte ihr nun nicht in die stralenden Augen zu sehen, die ihm weh thaten. Er dachte an Agathens linde, sanfte Augen; aber ihr Blick blieb nicht in seiner Seele haften, glitt hinein, und erlosch, und war doch so lieb, so gut! Ihm war, als müsse er zu ihr, sie um Vergebung bitten, sie beschwören, sich zwischen ihn und Tosca Beiron zu stellen. Dann fragte er sich unwillig: „Aber wozu? ich werde doch nicht vor dem Lächeln einer schönen Frau zerschmelzen?“ — Dann heftete er fest den Blick auf Tosca, wie sie da vor ihm saß; auf den zierlichen Kopf mit der Lockenfülle, den der schlanke Hals so stolz und so graziös trug, auf den schönen Nacken, um den ihr dunkler Sammetshawl sich in weichen, breiten Falten legte, auf die ganze Gestalt, bei der jede Bewegung von biegsamer Elastizität war. Er that es mit einem strengen, kritischen Blick; er wollte sich überzeugen, daß er schönere Frauen gesehen, daß Agathe reizender sei. Allmälig aber vergaß er die beabsichtigte Kritik, und Alles entschwand ihm, wie zwischen Nebeln und Hochgebirg: die Frauen, die Menschen, die Welt; nur nicht Tosca Beiron, die er als Jüngling gesehen und geliebt hatte, und die er jetzt als Mann wiedersah — und nicht mehr lieben durfte! denn sie war gefesselt an einen siechen Greis, und er an ein blühendes Mädchen; denn ihre Wege gingen weit, weit auseinander, und hätten doch einst sich vereinigen können! Damals, als Tosca Beiron, um mit ihm zu tanzen, ein anderes Engagement brach; damals, als sie ihm täglich, wie aus dem Himmel, einen Guten Morgen zuwinkte; damals, als sie ihm, den sie krank und niedergeschlagen wähnte, mit süßer Theilnahme das Beste und Liebste schickte, was sie hatte — ihre Blumen .... die er mit Füßen trat; denn damals — o ja! da liebte sie ihn, mit jener aufdämmernden Empfindung, welche nur der Gewißheit der Erwiederung bedurft hätte, um in rosigen Flammen aufzuschlagen.

Liszt spielte und spielte. Sigismund wußte nicht was, und fragte auch nicht danach; ihm war, als spiele er ihm seine ganze Vergangenheit wie eine stralende Fata Morgana aus den grauen Wellen seiner Erinnerung empor. Und aus der Vergangenheit ging er in die Gegenwart über, in die des Augenblicks; es lag eine Berauschung in diesem Tonmeer, wie sie in jeder überschwenglichen Fülle liegt, und überdies giebt es wol keine feinere, zauberischere Seligkeit, als einen geistigen Genuß mit einer sehr geliebten Person zu theilen. Wie vor der Pforte des Paradieses findet man sich mit ihr zusammen, lautlos, anbetungsdurstig, bebend vor Sehnsucht, der ewigen Schönheit ins Sonnenantlitz zu schauen. Die Klänge, die sein Ohr berauschten, zogen auch in ihre Seele! die Melodien, die ihm das Herz umwogten, schaukelten auch das ihre! Es war eine unirdische, und doch wundersam süße Gemeinschaft! vielleicht ist die Liebe so auf irgend einem höheren und glückseligeren Gestirn, als unsre Erde ist. Toscas Sammetshawl war von ihrem Nacken auf die Lehne ihres Stuhles geglitten. Sigismund legte die Hand darauf, wie um sich an etwas zu halten, das im Stande sei, ihm wirklich einen Halt zu geben, denn ihm war, als könne er in die Unermeßlichkeit fortgeschleudert werden. Durch den Handschuh hindurch fühlte er den Sammet wie eine linde Berührung, wie eine Beschwichtigung. Er zog geschwind den Handschuh aus, und lehnte die Stirn auf die Hand, die auf dem Shawl lag. Ganz leise berührte er den Sammet mit seinen Lippen. Ein feiner, fast unmerklicher Duft von vétivert war darin. Sigismund schloß die Augen; er vergaß die Unermeßlichkeit der Welt und des Lebens — aber nicht die des Glücks.

Liszt spielte und spielte. Goldne Wolken legten sich um Sigismunds Seele. Was war ihm Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft? es schmolz zusammen in dem seligsten Bewußtsein der Nähe der schönen Geliebten. Ja, sie gehörte einem andern Mann! Ja, sie war ihm verloren ... was man so verloren nennt! Aber sie war auf der Welt! aber sie war da! In ihrem bloßen Dasein schien ihm eine unendliche Verheißung zu liegen. Konnten sich nicht die Schicksale wenden? gab es nicht wunderbare, göttliche Fügungen? Fremde Gestalten blitzten wie Geister in seine wachen Träume: Agathe, das liebe Mädchen; der General, sterbend, todt; Ignaz, lauernd, schlangenhaft, als sinne er darauf, Tosca zu verderben. Sigismund fuhr verstört empor: Liszt hatte den Schlußakkord gemacht. Tosca kehrte sich zu ihm; sie sah beinah blaß aus.

„Nicht wahr,“ fragte sie, „das ist kaum auszuhalten? Der Mensch spielt einem die Seele fort.“

„Ob er nicht eine neue Incarnation des alten Rattenfängers von Hameln ist,“ sprach Sigismund, aber mit so beklemmter Stimme und bleichen Lippen, daß Tosca besorglich und freundlich sagte:

„Sie werden doch nicht ohnmächtig werden? wollen Sie mein Flacon? er fängt gleich wieder an zu spielen.“

Sie gab ihm das Flacon. Sigismund behielt es in der Hand, ohne es zu brauchen. Ohnmächtig wäre er nicht gern geworden — doch gestorben recht gern; nur eine Gewißheit wollte er.

„Sagen Sie mir,“ fing er an, „ich bitte, sagen Sie mir aufrichtig — haben Sie mir vergeben?“