„Sie bekommt Launen,“ dachte Ignaz, während er zum Ball fuhr: „das ist ein Zeichen von Herzensunruh. Aber durch wen? ... Der Mann? ... unmöglich! Doch wen sieht sie denn sonst noch?“ — Er durchlief die Reihe der Männer, welche sie kannte, und wiederholte bei Jedem: unmöglich! Endlich blieb er bei sich selber stehen: „mir däucht, sie antwortete mir ein paar Mal kurz und verdrießlich; das pflegt ein Zeichen von Mißfallen zu sein — allein das Mißfallen entspringt oft nur aus einer Unzufriedenheit mit dem gegenwärtigen Moment, und nicht mit dem, gegen welchen es sich äußert.“ Dennoch brachte er es in diesem Punkt nicht bis zur Ueberzeugung; immer tauchte Sigismund wieder auf, so oft er auch sein: unmöglich! vor ihm wiederholte.
Sigismund blieb nur kurze Zeit beim General. Alles, was Tosca sagte, wie sie es sagte, ihr Blick, ihre Bewegungen, magnetisirten ihn, machten ihn kraft- und willenlos. Sie saß ihm und dem General grade gegenüber und hatte beide Arme auf den Tisch gelegt. Zuweilen hob sie den einen, stützte den Kopf in die Hand, oder strich mit der Hand über die Stirn. Die Lampe warf ihr helles Licht auf sie und ins Zimmer hinein; sie schwamm in Glanz; nach der Seite des Generals war die Lampe mit einem Schirm bedeckt, so daß die beiden Männer im Finstern saßen.
Tosca sprach viel über die Musik; Sigismund antwortete nur einsilbig, nur grade genug, um sie reden zu machen. Er konnte nicht anders. Er saß da, und blickte zu ihr hinüber, aus seiner Finsterniß in ihr Licht, wie von der Erde zu irgend einem goldnen Stern. Nichts stand zwischen ihnen als der Tisch; er meinte sich durch Welten von ihr getrennt, und dennoch war’s ein Durst, ein Drang nach der Sphäre dieses schönen Sternes, daß auch Welten den Gang zu ihm nicht hemmen würden.
„Wollen Sie schon schlafen gehen?“ fragte Tosca, als er den Hut nahm.
„Nicht schlafen — arbeiten!“ sagte er mit so besondrem Ausdruck, daß Tosca sagte:
„Ach, das wird Ihnen zu schwer werden! Sie seufzen ja, wenn Sie nur daran denken! lassen Sie die Arbeit, sie gelingt Ihnen nicht.“
„Gnädige Frau,“ erwiederte Sigismund in ganz heiterm Ton, „ich muß arbeiten, um morgen wieder ein vernünftiger Mensch zu sein.“
„Glück zu!“ sagte sie lieblich, und der General sprach:
„Geben Sie Sich nicht allzu viel Mühe, um ein vernünftiger Mensch zu werden! — es kommt eine Zeit, und früh genug, und ganz von selbst, in der wir tief bedauern, nicht mehr unsrer früheren extatischen Thorheiten und sublimen Schwärmereien fähig zu sein.“
„So ist’s!“ entgegnete Sigismund, „aufs Bedauern sind wir unser Lebelang angewiesen.“