Als er auf sein Zimmer kam, fiel er tödtlich erschöpft in den Sopha. „Lassen Sie die Arbeit, sie gelingt Ihnen nicht!“ hörte er unablässig Toscas Stimme in sein Ohr flüstern. Er verfiel in einen Zustand zwischen Wachen und Traum. Eine schwere, fieberhafte Aufregung brütete über ihm. Unbeweglich lag er da, und fühlte sich beängstigt, wie in schweren Ketten, und kraftlos, um sie abzustreifen. Plötzlich wehte ihn Erquickung an; Töne erklangen, er wußte nicht wo; sie kamen ihm bekannt vor und doch so, als ob er sie noch nie gehört. Er athmete freier, das Herz klopfte ihm ruhiger! allmälig kehrte ihm das volle Bewußtsein zurück. Er richtete sich auf und fuhr mit der Hand über Stirn und Augen, um sich zu überzeugen, daß er wache; dann horchte er. Es war Schuberts „Ave Maria,“ das Liszt gespielt hatte — und das jetzt Tosca Beiron sang! — Diese stillen innigen Töne, in tiefer Nacht von ihr gesungen, von ihm gehört, überwältigten ihn. Er warf beide Hände vors Gesicht, wie um sich zu verbergen; dann sprang er heftig auf, und sagte ganz laut: „Ja, es ist so! ich schmelze in ihre Wesenheit hinüber ... aber ich will nicht! — ich will fort! Agathe, zu Dir!“

Tosca hatte aufgehört zu singen. Es war so still im Hause und auf der Straße, daß er hörte, wie sie die Thür aus dem Salon nach ihrem Zimmer auf- und zumachte. „Nun geht sie schlafen!“ dachte er; „Gott segne Dich, unvergeßliches Geschöpf!“ — und mit einem traurigen Rückblick auf sich, fügte er den Schluß eines Liedes hinzu: „Und die Nacht, und die Nacht — Hat sie schlafend verbracht!“ —

Dann traf er geschwind einige Anordnungen, warf sich aufs Bett, und fuhr in der Frühe des nächsten Morgens nach Magdeburg auf der Eisenbahn — die, was das Zusammenkommen betrifft, eine eben so wundervolle Veranstaltung, als hinsichtlich des Reisens widerwärtig ist. Im Wagen bemächtigte sich seiner eine Art von Betäubung, die ihm sehr wohl that, ein Seelenschlaf, aus dem er gestärkt zu erwachen hoffte. Endlich griff er ungeduldig nach der Uhr, um zu sehen, wie lange er denn noch bis Magdeburg zu fahren habe. Außer der Uhr fand er in seiner Brusttasche Toscas Flacon. Es war von hellblauem Hyalith, mit goldnen chinesischen Zeichnungen, platt und flach, bequem in der Tasche zu tragen. Als Sigismund es betrachtete, die glänzende Farbe, die phantastischen Figuren, fiel ihm ein, ob es nicht ein Amulet sein möge, ein Talisman, und ob er es nicht lieber aus dem Wagen werfen solle; aber der Gedanke, daß es ihm ja nicht gehöre, hielt ihn zurück. Dies Flacon warf ihn wieder in seinen gestrigen Ideenkreis! er dachte wieder an Tosca, an den holdselig gedankenvollen Blick, womit sie „Und nun?“ gesagt, an die Musik, an ihren Sammetshawl, an den leichten Duft von vétivert. Er öffnete das Flacon; richtig! es war vétivert darin. Er goß einen Tropfen auf seinen Rock.

Zwei junge Leute saßen neben ihm. Er hatte bis daher ihr Geplauder nicht beachtet; als aber der Eine den Dom von Magdeburg erblickte, und zum Andern scherzend sagte, indem er auf die Stadt wies:

„Da wohnt Deine künftige Liebste!“

Da erschrak Sigismund fast, denn seine Liebste wohnte da, und seine Gedanken gingen nicht zu ihr — sondern zurück! zurück! — —

Er eilte zu Agathen. Er schellte; ihre Mutter öffnete ihm die Thür und empfing ihn mit herzlicher Freude. Er fragte ungeduldig nach Agathen.

„Sie plättet;“ sagte die Mutter, und rief in ein andres Zimmer hinein: „Agathe, komm einmal her, geschwind!“

Agathe kam munter hereingelaufen und stieß einen hellen Freudenschrei aus, als Sigismund ihr entgegen trat. Es war ein wunderhübsches Mädchen, groß, voll und schlank von Gestalt, mit einem prächtigen blaßgelben Teint, dessen Colorit ebenso warm und frisch als die rosigere Farbe der Blondinen ist, mit rabenschwarzem Haar, in welchem das farblose Antlitz wie eine Perle auf Sammet lag, und mit guten sanften schwarzen Augen, die das Gesicht, welches durch Züge und Farbe hätte hart sein können, ganz weich machten. Jetzt sah sie überdas sehr glücklich aus, so wie man bei zwanzig Jahren dem Geliebten gegenüber auszusehen pflegt. Dieser Ausdruck von Glück rührte Sigismund. Ist es Dankbarkeit? ist es Eigenliebe? nichts fesselt den Menschen so an einen andern, als das Bewußtsein, ihn bis ins innerste Herz zu beglücken.

„O Sigismund!“ sagte Agathe, „Du hättest doch lieber vorher schreiben sollen, denn jetzt freu’ ich mich so sehr ... daß ich gar nichts sagen kann.“