Sie setzte sich, nahm seine Hand in die ihren und sah ihn an. Er erzählte ihr, daß er nicht vorher seine Ankunft hätte bestimmen können, weil er den Entschluß gern von augenblicklicher Stimmung abhangen lasse, von einer unüberwindlichen Lust, oder von tiefer Sehnsucht, oder von der plötzlichen Ueberzeugung: jetzt sei es grade an der Zeit. Zu Allem, was er sagte, nickte Agathe freundlich mit dem Kopf; sie hörte auf seine Stimme, auf seine Worte nicht. Was er sprach, war ihr höchst gleichgültig; daß er da war, beseligte sie. Sie unterbrach ihn plötzlich:

„Sigismund!“ rief sie, „hast Du mich lieb?“

Das ist eine unselige Frage! Unter hundert Malen stimmt sie den, an welchen sie gerichtet wird, neunundneunzig Mal traurig. Liebt er aus voller Seele, mit tiefster Hingebung, so scheint ihm die Frage zu alltäglich, um nicht überflüssig zu sein. Thut er das nicht, so setzt er im Andern Mißtrauen und Zweifel voraus und fühlt sich gekränkt, wenigstens verstimmt, weil — er es verdient. Die Frauen haben eine unglückliche Leidenschaft für diese Frage, denn sie lieben Demonstrationen des Gefühls, sie sind demonstrativer als die Männer — vielleicht, weil sie mehr Zeit dazu haben, vielleicht weil es eine ihrer Grazien ist. Eine Frau weiß unter vier Augen unendlich viel mehr Liebliches zu sagen als ein Mann; darauf sollte sie sich beschränken, das hört er immer gern. Aber die Frage: „hast Du mich lieb?“ sollte sie nie an ihn richten, höchstens in den allerernstesten Momenten oder in fröhlichem Uebermuth, spottend, neckend; — nur dann wird er zu antworten wissen. — Dies rathe ich den Frauen sehr wohlmeinend.

Ueber Sigismund legte sich ein Schatten, als er sagte:

„Ja, liebe Agathe; aber warum fragst Du?“

„Weil ich dies Ja lieber hören mag, als Alles, was Du sonst sagst, mög’ es noch so gescheut und klug sein,“ erwiderte Agathe aus so vollem Herzen, daß er sie gerührt und zärtlich umfaßte und sagte:

„Bei Dir hab’ ich’s gut, meine Agathe.“

„Und wo denn nicht, Sigismund?“

„Nirgends — wo Du nicht bist.“

„Nun, das muß ja auch so sein. — Aber,“ fügte sie hinzu und sah ihn besorgt an, „mir däucht, Du siehst angegriffen aus. Bist Du krank? hat Dir Jemand was zu Leide gethan?“