„O, sie mag nicht, daß Du mich heirathest! ich bin ihr für Dich nicht reich und vornehm genug. Sie meint, Du könntest eine ganz andre Partie machen — was ich freilich auch sehr gern glaube.“

„Eine Partie machen!“ rief Sigismund; „aber ich will gar keine Partie machen! Heirathen will ich! ... und zwar Dich, Agathe!“

Er umarmte sie und ging. Sie sprang an das Fenster und blickte ihm nach, wie er dahin ging, fest, rasch, mit wenigen Bewegungen. Ihr schien, als habe sie nie Jemand so sicher und ruhig gehen sehen. So lange sie ihn sah, fühlte sie sich froh und leicht; als er verschwand, als sie ins Zimmer zurücktrat, als sie die himmelblauen und goldnen Scherben des Flacons gewahrte, fiel ihr Herz gleichsam in namenlose Beklommenheit zurück. Sie grämte sich, daß Sigismund ihr nicht das Flacon hatte geben wollen, daß sein Wunsch, es zu behalten, größer war, als sein Wunsch, ihr eine Freude zu machen. „O wenn er es mir gegeben hätte,“ sagte sie halblaut, „so hätte ich es ihm ja auf der Stelle zurückgegeben! behalten wollte ich es gar nicht, nur wissen, ob das, was sein ist, auch mein ist.“

Als die Mutter eintrat, fand sie Agathe am Boden kniend, und weinend die Scherben in ihrer Schürze sammelnd. Sie fragte, was ihr widerfahren sei? Agathe sagte nur, es thue ihr so leid, daß sie Sigismunds allerliebstes Flacon habe zu Boden fallen lassen, und dabei weinte sie, als wolle sie mit ihren Thränen die Erinnerung daran überfluthen. Das sind unsre bittersten Schmerzen, die, welche wir Keinem anvertrauen mögen, weil wir sie in uns selbst nicht zum Bewußtsein kommen lassen mögten.

Sigismund fühlte sich mißgestimmt. „Es liegt doch etwas Krittliches, Kleinliches, Eifersüchtelndes im Frauencharacter,“ sprach er zu sich selbst. Sein Besuch bei seiner Schwester erhöhte diese Mißstimmung; sie machte ihm Vorwürfe, daß er sie um seiner Braut willen vernachlässige; — sehr zärtlich, sehr freundlich that sie das; die Intimität eines halben Menschenlebens, ihre lange vertrauliche, durch die Kindheit und erste Jugend fortgesetzte Freundschaft rechnete sie ihm vor, welche jetzt durch eine Bekanntschaft von sechs Monaten in Schatten gestellt werde. Sie war eine sehr hübsche und elegante Frau, durch die günstigen Verhältnisse ihres Mannes in eine glänzende Lage versetzt. Wie das zuweilen geht zwischen Geschwistern, so ging es auch hier: eins von ihnen ist der Liebling der übrigen — bald ist es das älteste, bald das jüngste, bald der einzige Bruder oder die einzige Schwester, bald nichts von dem Allen, sondern eben nur der allgemeine Familienliebling; für den ersinnen sich die übrigen ganz besondre Schicksale voll Glück und Segen und Glanz, und malen seine Wege mit so idealischen Farben aus, wie sie ihn selbst in eine Glorie der Vollkommenheit stellen. Sucht er dann auf ganz gewöhnlichen Pfaden und zwischen gewöhnlichen Verhältnissen sein Glück, so liegen die unter der Erwartung der Geschwister, und sie fühlen sich ein wenig gedemüthigt in ihren hochfliegenden Hoffnungen. Wirft er sich aufs Ungewöhnliche, so liegt das, wenn nicht über — doch außerhalb der Kreise ihrer Wünsche, und es verletzt sie, daß er etwas ergriffen hat, was sie nicht für ihn ausgedacht. Und dies Alles aus lauter Liebe! — Sigismunds Schwester fand, daß Agathe durch ihre Heirath ein namenloses Glück mache, zu welchem sie durch nichts berechtigt sei. „Es ist ein hübsches gutes Kind,“ sagte sie oft zu ihrem Mann, „doch ich dächte, mein Bruder dürfte wol andre Ansprüche machen.“ — Und jetzt fand sie sich in ihrer schwesterlichen Zärtlichkeit beeinträchtigt um Agathens willen! Geschwisterliebe ist ein geliehenes Gut; sie kann so lange genügend, ja, exclusiv sein, bis das Herz zur Erkenntniß gekommen. Ist das geschehen, weiß es, was es fordern — oder besser, was es geben kann: so tritt die geschwisterliche Liebe in ihre Schranken zurück, kann Trost, Freude, Beruhigung gewähren, aber nicht das unermeßliche Glück, nach welchem das Herz durstig worden ist, ach! oft ohne Befriedigung zu finden. Um Familien- und überhaupt alle intimen Verhältnisse in einer Sphäre zu erhalten, wo sie nicht allzu sehr vom dicken Staube der Alltäglichkeit zu leiden haben, ist nichts so nothwendig, als gewisse Fühlfaden an der Seele, welche auf manchen Punkten vor der lindesten Berührung sich zusammenziehen, und vor dem Vorwärtsdringen warnen. Wir haben auch solche Fühlfaden; wir empfinden auch ihre Einwirkung; dennoch übertäuben wir oft ihre Warnung, weil übertriebene Eigenliebe uns zuflüstert, daß wir mehr geben, als empfangen, daß Kälte und Mangel an Vertrauen uns gegenüber stehen. Das kann wol sein! aber der Bruder ist Mann, aber die Schwester ist Weib; tausend und aber tausend feine, unsichtbare und dennoch unzerreißbare Rücksichten weben eine leicht verletzliche Schranke. Ich glaube, daß die Menschen, um sich nur als Geschwister zu fühlen, immer in der Kinderstube bleiben müßten.

Sigismund hatte für die zärtlichen Vorwürfe seiner Schwester keine Antwort. Er versuchte mit ihr darüber zu scherzen, aber sie nahm die Sache tragisch, als sie sah, daß er sie lustig nehmen wollte — so, aus bloßem Widerspruchsgeist, der sich bisweilen wie eine nervose Irritation der Frauen bemeistert, und sie fast gegen ihren Willen Dinge thun und sagen läßt, welche sie hinterdrein herzlich bereuen. Ich habe sehr nachgedacht, woher das kommen möge; ich glaube, es ist, weil die Frauen sich nothgedrungen so sehr fügen und schicken, der fremden Meinung unterordnen, der fremden Ansicht folgen, das Gegentheil von dem thun und lassen müssen, wie es ihnen ums Herz ist. All die heimlichen Protestationen, welche sie einreichen, und welche vom Schicksal nicht angenommen werden, sammeln sich in ihrer Seele auf, und bilden darin eine Opposition, welche nur darum bei erbärmlichen Kleinigkeiten hervortritt, weil sie es bei wichtigen Dingen nicht immer darf.

Um Vieles verstimmter, als er gekommen war, verließ Sigismund seine Schwester. Vor der Thür begegnete ihm sein Schwager, und hielt ihn am Arm fest.

„Was Teufel fehlt Dir, daß Du mich fast über den Haufen rennst?“ fragte er.

„Frag’ mich nur nicht!“ rief Sigismund; „denn Deine Frau hat mich geärgert!“

„Meine Frau ist Deine Schwester,“ entgegnete Friedrich äußerst gelassen; „und wie kannst Du Dich überhaupt ärgern lassen? so lange Du das noch thust, bist Du nicht reif für die Ehe. Ich ärgere mich nie über meine Patienten; sie sind eben krank.“