Er ging ins Haus, und Sigismund zu Agathen.
Agathe hatte so heftig geweint, daß ihre Augenlieder noch ganz roth und geschwollen waren, und daß ihre Stimme noch das leise Zittern hatte, das nach starkem Weinen eine Zeitlang währt. Davon wissen die Männer nichts — schon darum nicht, weil sie nicht zu weinen pflegen. Thränen sind ihnen nun einmal verhaßt. Bei sich selbst schämen sie sich ihrer, weil sie als weibische Schwäche sie betrachten; bei den Frauen sind sie ihnen unerträglich, theils weil sie allzu gerührt durch deren Thränen werden — was ihnen wieder weibisch vorkommt — theils weil sie der Aufrichtigkeit dieser Thränen mißtrauen. Das Aeußerste, was ein Mann in dieser Beziehung für eine Frau thut, ist, daß er sie weinen läßt, ohne ihr darüber Vorwürfe zu machen. Hat er ihr das gestattet, wie man einem verzogenen Kinde stillschweigend eine Unart nachsieht, so soll sie dafür, wenn sie sich kaum die Augen abgetrocknet hat, flugs fröhlich und freundlich sein. Könnte sie das sein, so wären ihre Thränen wirklich nur aus einer Unart, nicht aus einem Schmerz entsprungen, und die Männer begreifen nun einmal nicht, daß man aus Schmerz weint. Begriffe es einer, so würde er mild gegen die Thränen sein. Aber es giebt Punkte, in denen der Mann und das Weib sich gegenseitig durch und durch unverständlich sind, und aller Mühe ungeachtet auch bleiben werden. Das rührt nicht von der Erziehung, von den Gesetzen der Welt und der Gesellschaft her; es liegt an der geistigen und körperlichen Organisation: von seinem Geschlecht kann keiner sich losreißen, und das Geschlecht ist an gewisse Bedingungen geknüpft, die sich ewig gelten machen. Je größer die Liebe, um desto tiefer wird das gegenseitige Verständniß sein; doch auf ein vollständiges rechne nur Niemand. Es giebt gute Momente; da kann man sagen: „Siehst Du! so und so und so bin ich, denk’ ich, fühl’ ich; hast Du das begriffen?“ — Und der Andre wird mit Ueberzeugung Ja! sagen, und dennoch nach fünf Minuten handeln, als ob er Nein! gesagt hätte. Das ist um sich todt zu grämen! Kämen wir gleich beim ersten Schritt ins Leben zu dieser Erkenntniß, so würden wir vielleicht wirklich durch sie überwältigt und zerknickt werden; aber die Schule der Enttäuschung ist so lang, und wir sind so ungemein wißbegierige Schüler, daß wir selbst nicht auf der Schwelle zusammensinken mögen.
Agathe hatte eine sanfte Seele und ein liebendes Herz; sie empfing also Sigismund sehr freundlich, nur aber fröhlich, so wie sie sonst zu sein pflegte, und wie er sie immer gesehen, fröhlich war sie nicht. Bisher war zwischen ihr und Sigismund die vollkommenste Einigkeit gewesen; die Ueberzeugung, daß zwei Wünsche, zwei Willen bei ihnen existiren, und von jedem bis zur letzten Consequenz durchgeführt werden könnten, drängte sich wie ein Stachel in ihre Brust. Sie dachte nicht daran, ob er Unrecht habe, oder sie; auch nicht, worin es bestehe; sie dachte nur: O Gott, wie ist es möglich, daß ich nicht ganz glückselig bin, wenn Er da ist! — Durch nichts wird eine Frau so traurig, als wenn sie sich das zum ersten Mal eingesteht. Was für Schmerz und Weh und Leid ihr auch widerfahren möge: damit ist nichts zu vergleichen! es ist doch Alles höchstens nur der Verlust einer Welt; aber jenes Gefühl ist der Untergang der ganzen goldnen, seligen, unerschütterlich gewähnten Liebeswelt. In der Ehe — da sind denn die Kinder dazu da, um den Stachel minder fühlbar zu machen, so heißt es; so spricht der Mensch, der sich nun einmal entschlossen hat, mit seinen Schmerzen fertig zu werden. Aber vor der Ehe, wenn man das Herz in die Liebe getaucht hat, wie in das Weltmeer, dessen Küsten man nicht kennt — wenn man jung und stark genug ist, um nicht an Ersatz zu glauben und um Trost zu verschmähen — welche wohlklingende, halbwahre, oberflächliche Redensart spricht da der Mensch? Am Besten ist’s noch, wenn er die Achseln zuckt und schweigt.
Die Rückwirkung von Agathens Niedergeschlagenheit auf Sigismund war heftig. Sonst neben ihr wie unter dem lichten blauen Himmel, fühlte er sich jetzt wie unter einer Wolke, und der Gedanke, daß seine Anwesenheit sie nicht mehr durch und durch erfreue, daß sie sich gegenseitig weh gethan, daß er sie verletzt, daß sie um ihn geweint habe — lag lähmend auf seinem Herzen. Indessen, er verstand mehr, sich zu beherrschen, als die junge unerfahrne Agathe. Er wollte nicht die Nebel, die zwischen ihnen aufdämmerten, sich verdichten lassen. Er gab sich die größte Mühe, Agathe heiter zu stimmen, indem er mit ihr Plane für die Zukunft machte, und sie so rosenroth ausmalte, wie seine Liebe für sie es ihm gestattete. Er war sehr gesprächig, sehr herzlich, sehr theilnehmend, sehr munter — und dadurch sehr liebenswürdig, weil sein gewohnter Ernst dabei zerschmolz und in den Hintergrund trat, wie die Gletscher in einem Alpenthal. Und Agathe widerstand dieser Liebenswürdigkeit nicht. Die unruhigen Wellen ihres Herzens legten sich. Sigismund war der Zauberer, der sie zur Ruhe sprach. Sigismund war der Stern, der das Gewölk in ihrem Innern lichtete.
„Sigismund!“ rief sie; „o, ich liebe Dich.“
Sie warf die Arme um seinen Hals; sie sah ihn an, so fest, so lang, so tief, als ob sie mit dem Blick in seine Seele hinein gleiten wollte.
„Wohl mir!“ sagte Sigismund. Aber er sagte es nicht triumphirend, sondern erschöpft; es klang wie ein Seufzer, nicht wie ein Jubelruf.
Agathe strich leise mit der Hand über seine Stirn. Er fragte:
„Was ist da?“
„Ich weiß nicht,“ entgegnete sie, „aber Etwas ist da, was ich wegschaffen mögte.“