Sigismund tanzte mit Tosca, als ob er sie trage.

„Welch eine liebliche schwebende Musik hat dieser Walzer,“ sagte sie freundlich. Und es war doch nur eine ganz gewöhnliche Tanzmusik.

Sie machten die oberflächliche Unterhaltung einer ersten Bekanntschaft, und Sigismund fand, daß Tosca auf keine Weise den Beinamen verdiene, welchen Friedrich ihr gegeben. Sie war fröhlich und gesprächig, und hatte zuweilen ein allerliebstes schelmisches Lächeln. Dies Lächeln wird ihn aus dem Häusel gebracht haben, den armen Friedrich, dachte Sigismund heimlich; er ist zuweilen ein bischen schwerfällig.

Mit diesem dritten Walzer begann und beschloß sich der Ball für ihn. Er tanzte nicht mehr, aber er sah Tosca tanzen, und es war ihm, wenn sie an ihm vorüber schwebte, als sehe sie ihn bald fragend, bald freundlich an. Und allerdings verwunderte es sie sehr, daß ein so ausgezeichneter Tänzer so gar wenig Freude am Tanz zu finden scheine, und doch einen ganz besondern Werth auf einen Walzer mit ihr gelegt habe. Nach dem Cotillon verließ sie den Ball.

„Die Lampen brennen ganz dunkel vom Staube,“ sagte Sigismund, der ihr bis zur Thür nachgeblickt, zu einem Freunde; „komm, laß uns gehen.“

„Gehen, trinken, spielen — was? welch Verbum willst Du conjugiren?“ antwortete der.

„Alle drei!“ rief Sigismund; „und nimm Dich nur in Acht! heut hab’ ich Glück.“

Als Sigismund Forster um acht Uhr früh statt ins Collegium — zu Bett ging, hatte er nicht blos das Glück gehabt, hundert Louisd’or zu gewinnen, sondern das größere noch, daß seines Freundes Kasse sich grade in hoher Flut befand, so daß der ihm auch wirklich seinen Gewinn auszahlte.

Tosca Beiron saß im Wohnzimmer ihrer Mutter am Stickrahmen im Fenster, und nähte sehr eifrig Tapisserie, während sie ganz leise, mehr mit den Gedanken als mit den Lippen die Melodie des Walzers summte, welchen sie mit Sigismund getanzt. Sie lehnte sich im Stuhl zurück, betrachtete ihre Arbeit aus der Ferne, und fand die Theerose, die sie eben gestickt, ungewöhnlich schlecht schattirt. Um ihr Werk zu verbessern, sah sie die wirkliche Theerose an, die in ihrem Fenster blühte. Sie stützte ihren Kopf in die Hand, und betrachtete gedankenvoll die zarte Blume. Da glitt ihr Blick auf die Straße hinab. Sigismund Forster ging vorüber mit einer Mappe unter dem Arm. Er schlenderte nur so hin, und blickte rechts und links; dabei gewahrte er sie, und grüßte. Sie dankte erröthend. Dann sah sie fast unwillkürlich, und gewiß ohne sich Rechenschaft davon zu geben, nach der Uhr. Es fehlten zwei Minuten an eilf. Er geht also hier vorüber in die Vorlesung, und gewiß täglich — dachte sie. Nie war ihr eingefallen, von ihrer Arbeit auf- und nach den jungen Leuten hinzublicken, die, oft nur ihretwegen, über die Straße gingen. Nie war ihr eingefallen, von ihrem Fenster aus einen Gruß anzunehmen, oder gar zu erwiedern. Aber für Sigismund Forster machte sie fortan eine Ausnahme. Täglich ging er um zwei Minuten vor eilf Uhr vorüber, und täglich dankte ihm Tosca für seinen bescheidenen Gruß mit einer sanften Neigung ihres zierlichen Kopfes. Um zwölf Uhr, nach beendeter Vorlesung, ging er wieder vorüber; auch wol Nachmittags, und jedes Mal sah sie ihn zwischen ihren Blumen hindurch; aber dann grüßte sie nicht mehr. Sie dachte: guten Morgen dürfe sie wol auf diese Weise sagen, doch mehr nicht. Sie hätte gern etwas über ihn erfahren, woher er sei, was er studire; allein es war ihr ganz unmöglich, direct nach ihm zu fragen, erstens weil es sie verlegen machte, und zweitens weil sie nicht wußte wen; denn ins Haus ihrer Eltern kam Niemand von diesen jungen Leuten anders, als auf ganz besondere Empfehlung, und dann machte ihre Mutter mit ihnen die Unterhaltung, und sie konnte nur ein oder das andere Wort dazwischen werfen. Bei ihrem Schwager hatte sie einmal versucht indirect zu fragen nach seinen Zuhörern, und nach diesem und jenem; allein ihr Schwager war Arzt, und liebte als solcher genaue und klare Fragen und Antworten, so daß er sie ganz und gar nicht verstand. Tosca dachte heimlich und ein wenig verdrießlich: Ach, wie konnt’ ich nur meinen Schwager fragen! Unter dessen Zuhörern wird er ja nicht sein. Rezepte und Arzeneien und Krankenzimmer, und all die fatalen Sachen sind sehr gut für den lieben Zeller — aber nur nicht für ihn. Ob er nicht studirt .... wie man König wird? — —

Eines Morgens kam Tosca zu ihrer Schwester. Sie hörte lebhaft im Zimmer reden, und war schon im Begriff, vor der Thür wieder umzukehren, weil sie glaubte, ihr Schwager könne einen ernsthaften, langweiligen Besuch haben, als plötzlich eine klingende Stimme ihr Ohr traf, die Stimme, welche zu ihr gesagt hatte: Es würde mich sehr glücklich machen, wenn Sie mir einen Tanz gönnen mögten. Sie erröthete vor Freude, sie war ganz sicher, sich nicht zu irren. Sie blieb noch einen Augenblick vor der Thür stehen, um die kleine freudige Bewegung vorüberziehen zu lassen; dann trat sie ein. Sigismund Forster, Friedrich und noch ein dritter junger Mann waren bei ihrer Schwester. In Sigismunds Augen ging eine Freudensonne auf. Tosca sah es wol, und daher blieb sie ganz ruhig; so bringt es die Taktik mit sich! aber sie war glänzend schön, wie vom Morgenroth umstralt. Man sprach — was man denn so zu sprechen pflegt. Die Professorin Zeller war eine beschränkte, hausmütterliche Frau, die den jungen Männern gute Rathschläge ertheilte, wie sie es anfangen müßten, um nicht zu viel Geld auszugeben, und die fast jede ihrer Phrasen mit den drei, für sie heiligen und unumstößlichen Worten begann: „Mein Mann sagt.“ Endlich richtete Sigismund das Wort an Tosca und fragte, ob sie den nächsten Ball besuchen werde.