Er nahm den Hut und ging. Gestern, bei einer ähnlichen Szene, hatte Agathe ihm den Weg vertreten und ihn nicht fortgehen lassen; heute hatte sie nicht mehr den Muth dazu, weil sie nicht die Zuversicht zu sich selbst hatte, ihn festhalten zu können. Sie ließ ihn gehen; aber es war ihr, als ob er über ihr Herz wegginge. Sigismund dachte traurig: Ach! warum hält sie mich denn nicht bei sich zurück? — —

Er ging zu seiner Schwester. Er wollte mit ihr plaudern, von der Heimat, der Mutter, den Geschwistern, den alten gemeinschaftlichen Jugendfreunden. Er wollte sich recht ausruhen, recht still werden, um ganz gelassen wieder vor Agathe zu treten. O Himmel! welch’ einen Tumult fand er bei seiner Schwester! Die Köchin und die Kinderwärterin hatten sich aufs Heftigste mit einander verzankt, und schrien zu der Frau Doctorin um Recht und Gerechtigkeit, indem Jede begehrte, daß die Gegnerin auf der Stelle das Haus verlasse, und im entgegengesetzten Fall es zu verlassen drohte. Die Doctorin suchte die Megären, die übrigens höchst schätzbare Eigenschaften hatten, zu beschwichtigen, weil sie keine von ihnen verlieren wollte. Ihr Töchterchen weinte bitterlich, weil sie die zärtlichgeliebte Wärterin weinen sah; ihre Knaben benutzten den Zustand allgemeiner Verwirrung, um sich einmal recht gründlich und ungestört gegenseitig durchzuprügeln. Es war eine häusliche Szene, die auf den glühendsten Enthusiasten für die Freuden der Häuslichkeit abkühlend wie ein Sturzbad gewirkt hätte. Hilf Himmel! dachte Sigismund, können denn auch solche widerwärtige Ereignisse dereinst unter meinem Dach vorfallen? eine empfindliche, weinende Frau, und zänkische Dienstboten, und schreiende Kinder — das ist mehr, als ein Mann billiger Weise ertragen kann! — Er betrat nicht das Zimmer seiner Schwester, in welchem sie ihren Gerichtshof hielt. Er begnügte sich aus dem Vorzimmer einen Blick hineinzuwerfen, und zog sich dann schleunig in das seine zurück. Nach fünf Minuten lockte ihn ein heftiges Gepolter, durchdringendes Geschrei, und die Donnerstimme seines Schwagers wieder heraus. Die Schlacht der beiden Knaben hatte sich bis zur Treppe gezogen, und der älteste hatte den jüngsten hinabgestoßen, so daß der die Stufen hinab dem eben heimkehrenden Vater vor die Füße kollerte. Auguste ließ die keifenden Mägde im Stich, um zu den schreienden Kindern zu eilen. Ihr Mann trat ihr heftig erzürnt entgegen. Der Kleinste war sein Liebling, weil er ihm am ähnlichsten war; der Aelteste war Liebling der Mutter. Der Kleine blutete aus Nas’ und Mund, und schrie, daß er ganz blau im Gesicht war, und ohne Weiteres gab der Vater dem Großen einen tüchtigen Schlag und sagte:

„Auguste, Du verziehst den Heinrich so unmenschlich, daß er Deinetwegen ungestraft den Theophil umbringen dürfte.“

„Aber der Theophil kann ja von selbst die Treppe herabgefallen sein!“ sagte sie ärgerlich.

„Ei was!“ rief ihr Mann erzürnt, „wenn ein Bube von fünf Jahren sich über einen dreijährigen hermacht, so fällt der nicht von selbst die Treppe herunter! Und es ist überhaupt unverantwortlich, daß Du den Buben solche Streiche gestattest, bei denen sie ums Leben kommen können.“

„Wie soll ich’s anfangen!“ rief sie heftig; „sie sind so unbändig, daß sie mir nicht gehorchen.“

„Ja, das kommt von Deiner verkehrten Erziehungsweise her! es ist doch wirklich miserabel, ein Paar Würmern, hoch wie der Tisch, keinen Respect beibringen zu können.“

Die häusliche Szene hatte sich in eine eheliche verwandelt. Auguste schien auf der Stelle der Ermahnung ihres Mannes Folge leisten zu wollen. Sie nahm den Theophil heftig von seinem Arm, und sagte zu dem schreienden Kinde sehr zornig:

„Schweig’ auf der Stelle, Junge! sonst giebt es die Ruthe.“

Mit großen Schritten trug sie ihn ins Zimmer zurück, während ihr Mann den widerstrebenden Heinrich beim Arm nahm, und ihn fortführend ebenso zornig sagte: