„Warte! ich werde Dich lehren, Deinen kleinen Bruder von der Treppe zu schleudern!“

Sigismund, über die Schicksale der Kinder beruhigt, hatte sich sogleich wieder zurückgezogen. In einer andern Stimmung hätten all diese kleinen Ungewitter ihn vielleicht höchlichst belustigt. Wenn die Verhältnisse uns vor ihnen sicher stellen, so sieht man ihnen aus der Ferne oder als Beobachter mit demselben Behagen zu, welches man im warmen Zimmer empfindet, wenn es draußen regnet und stürmt. Das warme Zimmer kommt einem paradiesisch vor gegen das Unwetter; und so auch die einsamen stillen Verhältnisse paradiesisch gegen die gemeinschaftlichen geräuschvollen. Steht man in diesen mitten drin, so hat man sie dennoch lieb, trotz des Verdrusses und der Widerwärtigkeiten, die sie mit sich bringen, so treibt man doch Abgötterei mit den schreienden Kindern, so fühlt man sich doch dem heftigen Mann oder der empfindlichen Frau ans Herz gekettet. Aber Sigismunds Herz war wund: dann erscheint das Alltägliche schwer, und das Schwere unaushaltbar. Wie ein Rosenknöspchen hatte ihm die Neigung zu Agathen vor Augen gestanden; wie eine Rose mit all’ ihren Reizen und all’ ihren Dornen, drang ihm die Liebe zu Tosca in die Seele. Bei ruhigen und mäßigen Ansprüchen an Glück, wenn man sich in der Welt umgesehen und erkannt hat, daß die positiven Verhältnisse sich selten über die Mittelmäßigkeit erheben — da kann man sich in ihr und ihren Beschränkungen zurechtfinden, ohne sich verletzt zu fühlen. Man kommt nicht auf den Gedanken, eine Ausnahme vom allgemeinen Gesetz für sich zu begehren, was eine höchst günstige Stimmung ist, um eine Ehe zu schließen. Je geringer die Erwartung, desto geringer die Enttäuschung; und das ist in einem Verhältniß, welches lang und fest und dauernd sein soll, und welches ganz positive Zwecke hat, die Hauptsache. Alles, was man von der Ehe hoffen darf, ist: daß man sich gegenseitig achte und ertrage. Die Leute werden sprechen, wie sie das denn auch schon thun: ich sei gemüthlos, ich sei in Vorurtheil befangen, es gebe unendlich viel Glück in der Ehe. Gott hat den Wurm so eingerichtet, daß er in einem Regentropfen ertrinken kann, als ob es das Weltmeer sei; Gott hat den Menschen so eingerichtet, daß er aus und in den engsten Verhältnissen, den trübsten und dürftigsten Lagen, etwas Erfreuliches und Erleichterndes finde; daß er sich stets bereit zeige mit Ersatz vorlieb zu nehmen; daß er schmiegsam genug sei, seine eigenen Wünsche zu vergessen. So mag er denn in der Ehe manche Freude, manchen Genuß, ja sogar große Zufriedenheit — mehr noch! er mag Glück finden; aber das Glück, was er geträumt hat, das hohe, selige, unermeßliche — das hat er nicht gefunden. Vielleicht ist es nirgends; das ist möglich! Aber eben darum frag’ ich: weshalb soll es denn in der Ehe sein? Da ist Keiner, aber nicht ein Einziger, der sich mit einem Jubelruf in sie hineingeworfen, und dem sich nicht der Freudengesang in einen Schmerzensschrei verwandelt hätte. Er mag ihn erstickt haben, er mag ihn sich selbst nicht eingestehen wollen — und daher ist es auch ganz begreiflich, daß er ihn mir nicht eingestehen will; — allein die Prahlerei, die sollte er denn auch dafür bei Seite lassen und, wenn nicht offenherzig, doch wenigstens ehrlich sein.

Die Ehe ist eine ernsthafte Veranstaltung, zu der zwei Menschen sich entschließen, um mit Anstand Kinder zu haben, und um ein mühsames, sorgenvolles Leben gemeinschaftlich zu führen, und durch die Gemeinschaft zu erleichtern und zu erheitern. Dies Leben fördert ihre innere Entwickelung und entspricht ihrer Bestimmung, die da auf Erden heißt: viel Arbeit und wenig Genuß; und ich denke, es wäre recht gut, wenn die Menschen mit diesen seriösen Ansichten die Ehen eingingen. Statt aber an die ungeheuren und schweren Verpflichtungen zu denken, die sie über sich nehmen, denken sie an ein ungeheures Glück, in das sie geradesweges ohne sonderliche Mühe hineinschweben werden; denn sie sind nun einmal so beschaffen, daß sie in den Zustand, den sie nicht kennen, die Seligkeit verlegen.

Bis zu dem Augenblick, wo Sigismund Tosca Beiron wiedersah, war ihm die Ehe in einem ernsten und wohlthätigen Licht erschienen, das den Ansprüchen des Verstandes, und mäßigen Forderungen des Herzens genügte, und Agathe als eine Frau, welche in solcher Ehe vollkommene Befriedigung finden und geben müßte. Jetzt auf einmal war das anders. Aspirationen nach einem namenlosen Glück, nach endlosen Freuden, nach ungeahnten Verständnissen, nach extatischen Offenbarungen, gingen wie Götterbilder leuchtend durch seine allerinnerste Seele, wohin der Gedanke Agathe! nie gedrungen war, und jetzt erschien ihm die Ehe — bald in einem Licht, das aus dem Himmel stralte, und für das es keine irdische Verfinsterungen gab, und bald in so grauen, matten Farben, daß kein Sonnenstral im Stande war, sie zu verklären. Die kleinen Verdrießlichkeiten des Alltaglebens, unvermeidliche Momente, wie die, deren Zeuge er so eben gewesen war, wälzten sich ihm wie unüberwindliche Lasten auf die Brust, und beklemmten ihm den Athem. Ihm fiel ein Wort ein, welches ihm einst eine liebenswürdige Frau gesagt hatte: „Eine glückliche Ehe besteht darin, daß man sich alle Tage zankt und alle Abend wieder versöhnt.“ Er war ein feingebildeter und nervenzarter Mensch; er litt geistig und körperlich durch die kleinen Szenen dieser Tage mit Agathen. Er suchte nicht vor sich selbst zu verleugnen, daß er Veranlassung dazu gegeben; aber die Art, wie Agathe sich dabei benommen, war ihm peinlich. Wie sie listig das Flacon fallen ließ, das ihm lieb war! wie sie weinte nur bei dem Gedanken, daß er sie tadeln könne! Das ist so recht der Frauencharacter nach kleinem Zuschnitt — dachte er. Ich denke, er hätte sagen müssen: nach allgemeinem Zuschnitt. Sein Unbehagen wuchs von einer Minute zur andern. Ihm war zu Muth, als müsse er schnurstracks nach Berlin zurückfahren, und nie wiederkommen. „Aber einer Frau das gegebene Wort brechen, das ist ehrlos!“ sagte er plötzlich ganz laut. — Wenn zwischen Verlobten das Frauenzimmer ihr Wort zurücknimmt, so sieht es unter hundert Fällen neunundneunzig Mal nur launenhaft und leichtsinnig, und höchstens ein Mal gehässig aus; thut’s der Mann, so ist’s grade umgekehrt! Das ist das einzige Verhältniß auf der Welt, bei dem man die Frau leichter entschuldigt, als den Mann, wahrscheinlich deshalb, weil ihre Zukunft mehr dadurch gefährdet wird, als die seine. Er wird über einer solchen Kränkung nimmermehr am gebrochenen Herzen sterben; aber bei Frauen ist das geschehen. Er soll überlegt und besonnen zu Werk gegangen sein, während sie oftmals nur gehorcht hat. Das Alles stürmte ihm durch die Gedanken, und jagte sich wild, wie Wolken vom Sturm getrieben. Kein bestimmtes Bild, keine klare Gestalt tauchte empor; nicht einmal Tosca. Er wußte gar nicht, ob Tosca ihn lieben könne, lieben werde; er glaubte es nicht; er wagte nicht es zu hoffen; aber er — er liebte sie! ihn schwindelte bei der Vorstellung, der Gatte einer Andern werden zu müssen, denn er fühlte, neben seiner eigenen Verzweiflung darüber, das Unheil, welches nothwendig für Agathe daraus erwachsen müsse, sobald sie früher oder später in der Ehe zur Erkenntniß seiner Gesinnung kommen werde. „Aber so weit kann es nicht kommen!“ sagte er ganz gefaßt; „denn es ist mir schlechterdings unmöglich, sie zu heirathen! sterben will ich, wenn sie’s verlangt; heirathen kann ich sie nicht.“

Er hörte den Schritt seines Schwagers sich seiner Thür nähern. Er hatte große Lust, den Riegel vorzuschieben, um ungestört allein zu sein; doch bevor er es thun konnte, trat Friedrich ein, die Cigarre im Munde, die Cigarrentasche in der Hand, welche er sogleich Sigismund anbot. Der dankte. Friedrich setzte sich bequem im Sopha zurecht, nahm mit einer gewissen nachlässigen Leichtigkeit, welche nur eingefleischten Rauchern eigen ist, die Cigarre zwischen Vor- und Mittelfinger aus dem Munde, ließ ebenso nachlässig den Rauch zwischen seinen Lippen hervorgehen, und sagte:

„Die Wohlthat einer Cigarre wirst Du erst schätzen lernen, mein lieber Sigismund, wenn Du Ehemann bist. Als Student raucht man aus jener unwiderstehlichen Liebhaberei der Studenten, alles Andre lieber zu thun, als zu studiren. Ist jene Oppositionszeit vorüber, so sinken Pfeife und Cigarre häufig in die Vergessenheit hinab, bis die Ehe ihnen wieder ihren Ehrenplatz anweist. Sokrates ohne Cigarre seiner holdseligen Gemahlin gegenüber, scheint mir ein bewundernswerther Kauz; mit der Cigarre ein ganz alltäglicher, so wie ich selber es bin. Sie giebt eine gewisse hausherrliche Würde, die von ganz vortrefflichem Effect auf die Frauen ist. Mit der Cigarre zwischen den Lippen ist es nicht gut möglich, anders als in kurzen Sätzen zu reden — das klingt so majestätisch. Nimmt man sie zwischen die Finger, so darf man auch so gar viel Worte nicht machen, sonst erlischt sie, und man muß sie wieder anrauchen, was unbequem ist, sobald nicht beständig ein Licht im Zimmer brennt — was beiläufig gesagt, meiner Frau aus angeborner Sparsamkeit ein Greuel ist. Sie behauptet zwar, sie lösche es nur aus, weil das Kerzenlicht im Tageslicht fahl und widerwärtig aussehe, aber da sie sehr gelassen rohes blutiges Fleisch und geschundenen Fisch ohne sonderliche Beleidigung ihres Schönheitssinnes anschaut, so weiß ich sehr gut, woran ich bin; allein ich thue ihr den Gefallen, denn ich finde es zweckmäßig für unsern häuslichen Frieden, daß kein Licht bei Tage brenne. Je weniger Worte der Mann bei gewissen Diskussionen der Frau gegenüber macht, um desto mehr imponirt er ihr. Und dann! welch ein niederdonnernder Moment der, wo meine Geduld dermaßen erschöpft und meine Langmuth so ganz aufgezehrt ist, daß ich meine Cigarre bei Seite werfe, mich gar nicht um ihre ferneren Schicksale kümmere, nicht hinsehe, ob sie ein Loch in die Tischdecke brennt, oder uns das Haus über dem Kopf anzündet, — und nun meine Meinung sage. So wie meine Frau gewahr wird, daß ich Miene mache, meine Cigarre fortzuwerfen, so sucht sie fast immer einzulenken, denn sie erkennt daran, daß sie zu weit gegangen. Die Bewegungen meiner Cigarre sind das Quecksilber im Barometer unsers häuslichen Lebens. Fällt sie, so giebts Unwetter.“

Sigismund sagte fast traurig: „Ich muß Dir gestehen, lieber Friedrich, daß ich bis daher Eure Ehe immer für eine recht glückliche gehalten habe, und daß es mich betrübt, mehr als ich’s sagen kann, daß sie es nicht so ganz ist.“

„Aber, zum Teufel! wo nimmst Du das her?“ fragte Friedrich mit ungeheuchelter Verwunderung. „Meine Ehe ist nicht blos eine recht glückliche — wie Du bis daher gemeint hast; sondern eine ganz außerordentlich glückliche. Was? weil man verschiedener Meinung ist, weil man Fehler und Schwächen hat, weil man gegenseitiger Nachsicht bedarf, weil hie und da ein heftiges Wort fällt — darum müßte man sofort eine unglückliche Ehe führen? Aber was für extravagante Foderungen stellst Du denn überhaupt an die Ehe? welch ein idealisches Glück soll sie Dir gewähren, wenn Dir die simpelste Schattenseite jedes intimen Verhältnisses: zwei Köpfe, die bisweilen ein wenig Mühe und Arbeit haben, um sich unter einen Hut zu bringen, — wie ein gramwerthes Unglück erscheint? Da beklag’ ich Dich, mein Alter! und noch mehr beklag’ ich die Agathe. Sei doch nicht so ungerecht, von ihr zu begehren, daß sie zu Allem, was Du thust, denkst, sprichst, wünschest, ein willenloses Ja sage.“

„Das begehre ich keinesweges!“ rief Sigismund erstaunt; „wie kannst Du das von mir glauben! Aber ich will nur keinen Zank, keinen Streit, keine Heftigkeit, keine Vorwürfe, keinen Hader“ .... —

„Dann laß Dir eine Wachsfigur antrauen, denn eine solche Frau existirt nicht.“