„Aber ich verlange ja von meiner Seite ganz dasselbe! ich begehre ja nichts von ihr, was ich nicht bereit wäre für sie zu thun!“
„Ach Du willst urplötzlich in die Vollkommenheit hineinspringen!“ sagte Friedrich gleichmüthig. „Das ist so eine ächte Bräutigamslaune, die Du drei Wochen nach der Hochzeit total vergessen hast.“
„So wiederhol’ ich Dir, daß mich das sehr betrübt,“ sagte Sigismund ernst.
„Du mißverstehst mich absichtlich!“ rief Friedrich ungeduldig. „Niemand ist mehr als ich der Meinung, daß man sich in jedem Verhältniß bemühen müsse, brav und tüchtig zu sein; nur muß man dabei die menschliche Natur, die bürgerlichen Einrichtungen im Auge behalten, und sich nicht einbilden, urplötzlich, durch den Zauberspruch des gewechselten Ringes, das Kleid des Alltagmenschen, das wir vielleicht dreißig Jahr getragen haben, mit dem idealen Gewande eines Halbgotts vertauschen zu können. Das werden wir eben so wenig, als das arme junge Mädchen, das wir heirathen, ein Engel wird. Aber eine brave und treue Frau und eine sorgsame Mutter kann sie werden, und uns dadurch so glücklich machen, wie der Mensch es nur sein kann, und wie ich es mit Deiner Schwester bin.“
Indem kratzte etwas an der Thür. Sigismund öffnete. Es waren die beiden Knaben, welche Auguste schickte, um die Männer zum Speisen rufen zu lassen.
„Nun, Ihr Buben,“ sagte der Vater freundlich, „habt Ihr Euch denn auch mit einander vertragen?“
In Kinderseelen wechseln die Affecte mit solcher Blitzesschnelle, wie Erwachsene es sich gar nicht vorstellen können. Die Knaben hatten nicht daran gedacht, sich wieder zu vertragen, weil sie vergessen, daß sie sich verzankt hatten. Als aber der Vater sie daran erinnerte, umarmten und küßten sie sich mit jener unnachahmlichen Lieblichkeit der Bewegungen und des Ausdrucks, welche fast allen Menschen als Kind, und später höchstens einer oder der andern Frau eigen ist.
„So macht man’s, um sich zu versöhnen, wenn man sich gezankt hat,“ sprach Friedrich und nahm seinen Schwager lachend unter den Arm, während Sigismund nicht umhin konnte, bei dieser Erklärung an die Definition einer glücklichen Ehe zu denken, die ihm vorhin schon in den Sinn gekommen war.
Es wäre nicht freundlich gewesen, wenn er nicht bei seiner Schwester zu Mittag gegessen hätte; aber es that ihm doch leid, Agathe in Thränen verlassen zu haben, und sie jetzt mehre Stunden nicht zu sehen. Wenn der Nachtfrost den Abendthau auf den Blumen in Eistropfen verwandelt, so erfrieren die armen Blumen. Es geht auch zuweilen mit Thränen so. Während sie bei Tische waren, bekam Auguste einen Brief von der Mutter mit Beilagen von den Geschwistern. Die Schwester war im ersten Wochenbett, und schrieb glückselig über ihr Kind. Der jüngste Bruder hatte sein erstes Duell auf der Universität gehabt, war im kleinen Finger verwundet, und schrieb ebenso glückselig über diese Wunde. Der andere Bruder schrieb traurig, niedergeschlagen, man wußte nicht warum; die Mutter wußte es auch nicht; das machte solchen Contrast mit den zwei Jubelbriefen — Contraste, an denen das Leben so reich ist. Sigismund und Auguste vertieften sich ganz in die Briefe, und in Plaudereien und Muthmaßungen über deren verschiedenen Inhalt. Wenn das Gespräch innig und lebhaft ist, vergeht die Zeit gar schnell. Dem Doctor wurde sein Wagen gemeldet, um die gewohnte Abendrundfahrt bei den Kranken zu machen. Sigismund erschrak, daß es schon so spät sei. Er lief zu Agathen. Er kam an einem Blumenladen vorüber; er trat hinein, um irgend eine recht schöne Blume für sie zu kaufen. Das Prachtstück des Magazins, worauf sein Auge sogleich fiel und haften blieb, war ein Topf voll wunderschöner blaßrother Camellien. Keine Blume auf der Welt kam ihm so schön vor, als die blaßrothe Camellie, seit er sie in Toscas Locken gesehen. Er kaufte den Topf und ließ ihn sich nachtragen, und ganz heiter kam er zu Agathen.
Sie empfing ihn eiskalt. Sein Benehmen, sein steter Wechsel von Freundlichkeit und Gleichgültigkeit, heut früh die dringende Hast, darauf die Apathie, und dann gewisse Räthsel oder Falten in seiner Seele, die sie nicht zu ergründen vermogte — das Alles schien ihr so unbehaglich, so launenhaft, so ganz unähnlich dem ernst ruhigen Sigismund, den sie bis dahin gekannt, daß sie zu sich selbst sprach: „Es ist etwas Fremdes in ihn hineingedrungen, und das Fremde, mir Unverständliche, ist mir feindlich; so lange also das in ihm ist, muß er mir fern bleiben.“ — Aber der Schmerz, den sie über diese Erkenntniß oder über ihren Entschluß empfand, machte sie herb und streng. Nur schmerzgeprüfte Seelen, nur solche, die den Schmerz wie einen Segen empfangen, ganz still, ganz klagelos, aber die sich dennoch von ihm weder beugen noch brechen lassen, nur die macht er mild. Und wie kann man von dem unerfahrnen, auf Glück rechnenden jungen Gemüth erwarten, daß der erste Schmerz es schon so reif mache?