„Da bin ich, liebe Agathe,“ sprach Sigismund freundlich, „und bringe Dir eine Blume mit, die Deinen Platz dort im Fenster in die prächtigste Laube verwandeln wird.“
Er ließ die Camellie hinstellen, und rückte sie sorgsam zurecht, um sie schön zu präsentiren.
„Ich danke Dir,“ sagte Agathe.
Er erzählte ihr darauf von den Briefen der Seinigen und Agathe war froh, daß er sprach, und von einem Gegenstand, der ihm lieb war, und daß sie schweigen, oder höchstens eine Frage thun durfte, um die Unterhaltung nicht fallen zu lassen. Sie sah so heftig verweint aus, daß Sigismund erschrak, als Licht in das dämmerige Zimmer gebracht wurde. „Aber sie wird sich grämen, vielleicht krank werden, vielleicht sterben .... Gott, mein Gott! sie wird sich fürchterlich grämen, wenn es zum Bruch zwischen uns kommt!“ dachte er heimlich, indem er sie unsäglich traurig ansah. Vor wenig Stunden hatte er es für eine Unmöglichkeit gehalten, sie zu heirathen; jetzt, dieser lieben, stillen Gestalt gegenüber, schien es ihm noch unmöglicher. Sie gefiel ihm, er hatte sie lieb, so wie am Ende jeder Mann ein wunderhübsches, anmuthiges, junges Mädchen, das ihn von ganzer Seele liebt, lieb hat; aber weder in ihrem Wesen, noch in ihrer Erscheinung lag etwas Hinreißendes für ihn. Agathe war keine Macht für Sigismund. Er konnte mit ihr gehen, ihr entgegenkommen; doch niemals — ihr folgen! niemals in dem Drang, in der Nothwendigkeit ihr folgen zu müssen, und nicht zu sollen, nicht zu dürfen, Qual und Befriedigung finden. Er fühlte sich nicht ihr unterworfen, sondern seinem Wort, und durch nichts an sie gefesselt, als durch die Pflicht. „Aber Wort und Pflicht einer Frau, einem jungen Mädchen gegenüber — sind hochheilig!“ sprach er leise.
Wie das manchen Personen geht: wenn sie traurig sind, sehen sie statt dessen verdrießlich aus, so ging es auch Agathen. Es kommt darauf an, wohin der Ausdruck der Trauer sich flüchtet. Ist es in die Augen — ich meine nicht blos in den Blick — sondern in die ganze Umgebung, in die Augenhöhle, Braunen, Lieder: so kann er von unbeschreiblich schöner Melancholie sein; ist es auf die Stirn, so wird er meistens streng und finster sein, wie die Knochen, die Falten das mit sich bringen; ist es um Mund und Wangen, so herrscht die Verdrießlichkeit vor, und das macht sehr unschön. Agathe stellte sich so unvortheilhaft als möglich dar; und grade das rührte Sigismund, denn er stellte sich vor, wie schwer und bitter das arme junge Herz zerwühlt sein müsse, um zu diesem ihm so fremden Ausdruck zu kommen.
„Agathe,“ sagte er plötzlich, „vergieb mir.“
Manchen Menschen ist nichts in der Welt geläufiger, als zu sagen: „Vergieb mir!“ Ob sie Jemand auf den Fuß, oder aufs Herz treten — sie sagen ganz unbefangen: „Vergebung! es thut mir sehr leid! es soll nicht wieder geschehen!“ etc. und damit haben sie Alles gut gemacht nach ihrer Meinung, und nach drei Tagen beginnt dieselbe Geschichte von Neuem. Ich bin für die Menschen, die nicht um Vergebung bitten, und sich dafür in Acht nehmen, nicht wieder Andern weh zu thun. Aber es giebt doch Momente und Menschen, wo es sehr schön und sehr stark ist, wenn man die Bitte um Vergebung ausspricht, und eine solche muß man immer erhören.
Freilich muß man tiefe Erkenntniß seiner selbst sowol als des Andern haben, um zu wissen, ob sie am rechten Ort ist, um zu erwägen, welche Selbstüberwindung, welch Opfer sie kostet. Die arme Agathe hatte nie Gelegenheit gehabt, das zu ermessen. Sie hatte wol tausend Mal im Leben die Mutter um Vergebung gebeten, die Lehrer, die Gespielinnen, um kleiner armseliger Vergehen willen; und unter dem Einfluß dieser Erinnerungen, des Flacons gedenkend, der getrockneten Blume, des Namens Tosca Beiron, der Fieberhast des heutigen Morgens, rief sie ganz trostlos:
„O Sigismund, was hast Du denn gethan?“
„Gethan!“ sagte Sigismund fürchterlich verletzt; „o ganz und gar nichts, liebe Agathe.“