„Weshalb bittest Du mich denn um Verzeihung?“
„Du hast geweint, Agathe, und siehst betrübt aus — da denk’ ich, daß das meine Schuld sein muß.“
Das hätte Agathe annehmen sollen. So etwas sagt ein Mann selten, und sagt es nie zum zweiten Mal. Aber Agathe hätte begehrt die ganze Geschichte von dem Flacon, von der getrockneten Blume, von Tosca Beiron, von Allem, was ihr seit zwei Tagen verwirrend durch den Kopf ging. Als sie hörte, daß nur von ihrer Betrübniß die Rede war, sagte sie kalt:
„Ich verstehe Dich nicht, Sigismund!“ — und setzte dann abbrechend hinzu, indem sie zur Camellie trat: „Eine prächtige Blume, aber recht stolz, recht kalt ... findest Du nicht?“
„Die Rose ist allerdings lieblicher,“ sagte er sanft; aber seine gerührte Stimmung war dahin.
Die Justizräthin kam herein und sagte froh und neckend:
„Ah, da sind Sie, mein lieber Forster, das ist gut! ich dachte schon, Sie wären in Ihrem Raptus von heute früh auf und davon gefahren. Mit den Dampfwagen ist das jetzt so, daß man im Nu verschwinden und hundert Meilen von einander sein kann, ohne daß der Andre eine Ahnung davon hat. Jetzt wollen wir ein wenig von Ihrer künftigen Einrichtung reden. Heute morgen waren Sie gar nicht dazu aufgelegt, und ich versichere Sie, daß es noch ganz entsetzlich viel zu bedenken und zu besprechen, zu beschaffen und zu thun gibt bis zur Hochzeit.“
„Sie haben ganz recht, Frau Justizräthin, und nichts kann wichtiger für mich sein,“ entgegnete Sigismund geduldig und freundlich, und setzte sich zu ihr, um mit ihr Berathungen zu pflegen. Agathe setzte sich auch an den Tisch, aber mit ihrer Arbeit, obwol sie wußte, daß Sigismund es unerträglich fand. Er meinte, Abends, wenn man traulich beisammen sitzt, um zu plaudern, da dürften die Hände ruhen und das Tagewerk sei vollbracht. Stricken — das ließ er noch gelten; das beschäftigt nicht die Gedanken, läßt das Auge, das Gesicht frei, verkrümmt nicht die Haltung; stricken ist ebenso mechanisch, als mit dem Fächer oder der Lorgnette spielen; aber zu nähenden Frauen zu reden, die gesenkten Hauptes dasitzen, und mit Nähnadel und Faden in den Lüften herumfahren, — das war ihm ein Greuel. Agathe wollte ihn aber nicht ansehen, ein wenig um ihn zu strafen, ein wenig — weil sie eben verdrießlich war. Sie umbaute sich mit Arbeitskästchen und Körben, und nähte. Zuweilen blickte sie beobachtend auf ihn, und horchte genau auf die Inflexionen seiner Stimme. Zuweilen, wenn er gradezu das Wort an sie richtete, sah sie ihn an, aber gleichsam nur gezwungen durch seine Auffoderung. Ganz unwillkürlich stellte sich für Sigismund Toscas Bild, wie er sie am letzten Abend gesehen, neben Agathe, und wurde immer heller und heller. Wie hatte er einst sie verletzt, sie, die Schöne, die Gefeierte, und in ihrem zartesten, ihr selbst fast unbewußten Gefühl, und welch einen stillen Mater dolorosa-Blick hatte sie ihm dafür zugeworfen! und welch einen heiligen und heiligenden damals, als er sie fragte: „Und nun?“ Und welche Seele wohnte überhaupt in dieser Frau, um in so schwierigen Verhältnissen, wie die ihrigen unleugbar waren, zwischen den Verlockungen der Welt und den Vorspiegelungen der Eitelkeit, in dieser wundervollen, unangetasteten Klarheit zu bleiben. Bei zwanzig Jahren ein Engel zu sein — das ist sehr leicht; bei dreißig — sehr schwer. Allmälig gingen all’ seine Gedanken zu ihr. Er schob Ja und Nein, ganz gewiß! und: meinen Sie? mit mechanischer Geläufigkeit zwischen die Auseinandersetzungen der Justizräthin, aber seine ganze Seele war bei ihr, der Frühgeliebten, der Verlornen, der Wiedergefundenen, der Einzig- und Ewiggeliebten. Und jetzt, grade jetzt, wo sie nicht da war, wo ihr Blick sich nicht wie eine Sonne über ihn legte, wo ihr Lächeln ihm nicht Morgenröthe und Gestirne vors Auge und in die Seele zauberte — jetzt, mit dem ungestörten klaren Gedanken an sie, jetzt war’s erst recht, als ob die Liebe ihre stillen und unlöschbaren Naphthaquellen in ihm erschließe.
„Liebe Mutter, Du ermüdest Sigismund,“ sagte Agathe plötzlich zur Justizräthin.
„Das ist wahr!“ rief diese gutmüthig; „wenn man in Einzelheiten übergeht und auf Kleinigkeiten kommt, so sind die Männer gleich gelangweilt. Merke Dir das, mein liebes Kind. Aber hast Du denn schon heute dem Sigismund etwas vorgespielt?“