„Ja,“ sagte Agathe trocken.
„Nicht genug,“ sagte Sigismund.
„Es ist gewiß ein hübsches Talent, das meine Agathe hat,“ fuhr die Justizräthin fort, „und das allerangenehmste fürs Haus. Musik erheitert Alle; jedes andre Talent nur den, der es treibt. Was hat der Mann davon, wenn die Frau schön malt, oder schön dichtet? nichts als Langeweile in den Stunden, die ihr sehr kurz und sehr angenehm scheinen. Musik allein verbindet die Herzen; jedes andre Talent scheidet sie.“
Zu dieser etwas einseitigen, d. h. mütterlichen Lobpreisung des Talentes ihrer Tochter lächelte Sigismund und bat Agathe, ein wenig Musik zu machen.
„Soll ich singen oder spielen?“ fragte sie und stand bereitwillig auf, ganz froh, seinen Gedanken eine andre Richtung geben zu dürfen.
„Ich bitte Dich — singe, liebe Agathe,“ sprach er.
Sie blätterte in ihren Noten; wählte und sang. Ihr erster Ton traf sein Herz wie ein elektrischer Schlag. Es war Schuberts Ave Maria. Eine Musik, die wir in gewissen Momenten gehört haben, und die uns damals durch ihre Uebereinstimmung oder durch ihren Contrast mit unsrer Stimmung frappirte, werden wir nie wieder hören, ohne in jene Stimmung zurückversetzt zu werden. Ich erinnere mich, daß ich einmal in Baden bei Wien, auf der Straße, unter meinem Fenster, von einer vorübergehenden frischen jungen Stimme ganz gedankenlos: „Freut euch des Lebens“ singen hörte. Seitdem, wenn ich das Lied höre, gar nur an die Melodie denke, geht mir ein Schauer durch die Seele, Thränen treten mir in die Augen, und ich meine, nie ein melancholischeres gehört zu haben. Doch ist es nur tout bonnement ein Gassenhauer. Was uns trifft — sei’s ein Sandkorn, sei’s eine Krone — hat keine Bedeutung für uns. Wie es uns trifft, darin liegt das Gewicht! das kann den Sandkorn zum Montblanc machen, wie es den Gassenhauer zum Grablied macht.
Sigismund wagte nicht, Agathe zu stören.
„Das ist ein überwältigendes Lied,“ sagte er nachdem sie geendet.
„Meinst Du wegen der Composition, oder weil Du es neulich gehört hast?“ fragte sie.