„Ich bitte, rathen Sie doch!“ fuhr Ignaz fort; „was meinen Sie wol das meiner schönen Tante fehlen dürfte?“

„Ich wüßte nichts — als Menschenkenntniß etwa,“ sagte Sigismund etwas trocken.

Der General neigte mit bejahender Zustimmung den Kopf, und Tosca rief sehr vergnügt:

„Mit dieser Lösung bin ich ungemein zufrieden, um so mehr da mein Mann ganz derselben Meinung ist. Nun, beau neveu, haben Sie noch Lust mit Ihrer Behauptung hervorzutreten?“

„Hervortreten? nein! denn ich könnte Ihnen doch am Ende damit etwas zu leide thun, schöne Tante; aber behaupten — ja! in aller Demuth, versteht sich.“

Der kleine gewohnte Kreis fand sich zusammen. Ignaz ging fort. Sigismund nahm lebhaft an der Unterhaltung Theil, und es machte sich von selbst, daß er von seiner Fahrt nach Magdeburg, von seinem Besuch bei seiner Schwester erzählte, und dabei Tosca die Huldigung seines Schwagers darbrachte, welche dieser im Augenblick des Abschieds ihm dringend aufgetragen, mit der banalen Anhängselphrase: Falls sie sich noch meiner erinnert. Tosca nahm es dankbar an; sie freute sich bei der Gelegenheit erfahren zu haben, wo und bei wem er gewesen sei. Sigismund hatte gefühlt, daß sie das zu wissen wünsche. Nun ward er schweigsamer. Er versank in ein ihm ganz neues Glück: er fühlte sich innerlichst frei, frei sie anbeten zu dürfen, und er dachte mit tiefster Aufrichtigkeit, daß, wenn er sie alle Abend in seinem Leben so wie heute sehen dürfe, so fehle ihm nichts, um glücklich zu sein. Sie war gar nicht übernatürlich geistreich, sie hatte auch keine ungewöhnliche Talente, sie war schön — wie man es bei dreißig Jahren sein kann. Aber wie sie ist, so ist sie ein Lichtgeist, der nicht unsrer Zeit und unsrer Welt angehört! — dachte Sigismund — und welche himmlische Gabe könnte ihr fehlen? was Ignaz Mangel nennt, ist gewiß nur eine Herrlichkeit mehr. Zuletzt schwieg er ganz. Die Minuten, in welchen er sie hören und sehen durfte, kamen ihm wie Jahrhunderte vor, zu wichtig, zu inhaltschwer, um oberflächliche Worte in sie zu verflechten.

Es sollte eine Schachpartie organisirt werden; der General sah ihr gern zu. Sigismund wechselte seinen Platz mit einem der Anwesenden, und setzte sich zu Tosca, welche die in seinen Augen wundervolle Gewohnheit hatte, Abends niemals Tapisserie zu nähen. Sie sagte freundlich:

„Ich werde Sie bei Gelegenheit um mein kleines blaues Flacon bitten.“

„Ach Gott!“ rief er, „das ist zerbrochen.“

Er hatte ganz und gar das unglückliche Flacon vergessen, und daß Tosca daran ein Recht habe. Die Aufrichtigkeit in seinem Ton überzeugte sie.