Abb. 10. Dreifuss aus der heutigen Porzellanfabrik von Trenton.
Abb. 11. Altbabylonischer Dreifuss. (ca. 2300 v. Chr.)
Doch lassen Sie mich nicht länger bei Einzelheiten verweilen, die, aus dem Zusammenhange gerissen, doch nur eine höchst lückenhafte Vorstellung von dem tatsächlichen Inhalte der Ruinen von Nippur zu geben imstande sein dürften. Unser wesentliches Interesse haftet an dem grossen Tempelkomplexe des Bêl, dem uralten Zentralheiligtum Babyloniens, das bereits auf eine mehr denn 2000jährige Geschichte zurückblicken konnte, ehe Babylon unter Hammurabi (gegen Ende des dritten Jahrtausends) zur politisch-religiösen Metropole des geeinten Reiches erhoben wurde.
Abb. 12. Altbabylonische Töpferei.
Es war eine unserer Expedition als selbstverständlich zufallende Aufgabe, in erster Linie den grossen Etagenturm aus der Masse darum- und darüberliegender späterer Gebäude herauszuschälen und von ihm aus, als der natürlich gegebenen Basis, das angrenzende Plateau in den Kreis unserer Untersuchungen hineinzuziehen, um so nach und nach ein einheitliches Bild von der ganzen Tempelanlage und ihrer langen Geschichte zu gewinnen und zugleich das genauere Verhältnis eines babylonischen Turmes zu dem daranstossenden besonderen Heiligtum festzustellen. Ausserordentliche Schwierigkeiten stellten sich unserem Vorhaben entgegen.
Ich denke dabei nicht an die ungesunden klimatischen Verhältnisse, die heissen Sandstürme und die uns zeitweilig auf allen Seiten umgebenden Sümpfe mit ihren giftigen Miasmen, von denen wir alle im Anfang mehr oder minder zu leiden hatten, auch nicht an die geradezu entsetzliche Plage der Moskitos, Sandfliegen und anderer kleiner Insekten, welche regelmässig Mitte April ihren Anfang nahm. Ich habe auch nicht im Auge jene zwei tollkühnen kurdischen Räuber, welche Pilger, Händler, Reisende und sogar militärische Schutzkolonnen mit Erfolg attackierten, plünderten und mordeten und zum Entsetzen Haynes 18 Monate lang unweit Nuffars in den ‘Afeč-Sümpfen ihr Hauptquartier aufschlugen. Noch möchte ich besonderes Gewicht darauf legen, dass unsere Araber von regelmässiger Arbeit keine Ahnung hatten, dass sie unzählige Male ihre primitiven Körbe und Geräte plötzlich niederwarfen, zu den Waffen griffen, eine hausa aufführten ([Abb. 13]) und zu ihren in der Nähe sich befehdenden Stammesgenossen schreiend und gestikulierend enteilten. Es genüge, darauf hinzuweisen, dass im Jahre 1894 binnen 8 Monaten 13 Araberschlachten nicht weit von den Ruinen stattfanden, in deren einer nicht weniger denn 70 Tote auf dem Platze blieben, und dass wir selbst zu Beginn unserer Ausgrabungen zu Nuffar der Regel nach mit dem Gewehre in der Hand gruben, entzifferten und schliefen, und dass wir schliesslich durch Erschiessen eines Saïd-Beduinen dem Gesetze arabischer Blutrache anheimfielen, von dem ganzen Stamme umzingelt und belagert wurden und trotz militärischen Entsatzes nach Vernichtung unseres ganzen Lagers, dem Verluste einer beträchtlichen Geldsumme und der meisten Pferde über die Sümpfe mit unseren geretteten Antiquitäten uns zurückziehen mussten.
Alle diese und andere Schwierigkeiten der ersten Jahre kann ich jetzt um so mehr übergehen, als dieselben seither durch unsere freundschaftlichen Beziehungen zu den einflussreichsten Stämmen, vor allen Dingen zu Ḥağği Ṭarfâ, dem Hauptscheich der ‘Afeč, und ‘Abud el-Ḥamîd, dem Führer der sechs Ḥamza-Stämme, zum grössten Teil gehoben oder doch gemildert sind, und dank der energischen Bemühungen der ottomanischen Regierung, welche den Sitz ihres Subgouverneurs (Muteṣṣarif) von Hilla nach Dîwânîje verlegt und das dortige Militär sogar durch Artillerie bedeutend verstärkt hat, eine wesentliche Besserung in den früheren heillosen Zuständen des ‘Afeč-Landes eingetreten ist.