Bald herrschte überall auf dem Hofe emsiges Leben und Treiben; aber es war doch nicht wie gewöhnlich. Jedes hatte heute Eile, und es war, als ob alles die Richtung auf den Kuhstall hin nähme; die Türen standen weit offen an beiden Seiten des Stalles, und alle nahmen ihren Weg durch den Stall hindurch. Die Frühlingsluft strömte ungehindert hinein, und die Kühe drehten sich in ihren Ständen um, bliesen die Nüstern auf und schauten hinaus.
Als Kjersti selber hineinging, mit den Kühen redete und der Schellenkuh die Backen klopfte, während die Mägde dasaßen und molken, da begriffen auch die Tiere sofort, was für ein Tag heute war. Die Schellenkuh hob den Kopf und brüllte, daß es weit hinausschallte, und das war für alle andern das Zeichen; sie rissen an den Ketten, schlugen mit den Schwänzen und begannen ebenfalls zu brüllen, eine nach der andern, die ganze Reihe abwärts, so daß der Stall förmlich erbebte, ein vielstimmiger, erwartungsvoller Jubelruf, der gar kein Ende nehmen wollte.
Und über das Ganze hinweg hörte man den Bullen, der so tief, gleichmäßig und gutmütig brüllte — er brauchte sich gar nicht anzustrengen, um gehört zu werden.
Obwohl heute alles rascher vor sich ging als sonst, schien es Sidsel Langröckchen doch, als dauerte es lange. Sie konnte nicht begreifen, wo die andern die Ruhe hernahmen, dazusitzen und gelassen ihr Frühstück zu verzehren. Sie war lange vor den andern fertig und fragte, ob sie nicht das Kleinvieh herauslassen dürfe, die Schafe und die Ziegen. Das dürfe sie schon, wurde ihr geantwortet. Im Handumdrehen hatte sie die Tiere ins Freie gebracht, und wie gewöhnlich zerstreuten sie sich rasch mit mutwilligen Sprüngen und langen Sätzen über die Wiesen hin — nur Krummhorn nahm die Gelegenheit wahr und schlüpfte durch die offne Tür in den Kuhstall hinein. Aber Sidsel hatte keine Zeit, das zu beachten.
Auf einmal wurde es einen Augenblick ganz still; man hörte ein paar tiefe, volltönende Schläge einer groben Schelle. Aber es war nur ein Augenblick; dann antwortete vom Kuhstall her ein Jubelgebrüll, Brummen, Schnauben, Schnieben und Kettenklirren, als ginge ein schweres Gewitter über den Hof nieder. Jetzt verstanden die Tiere, daß es wirklich Ernst war, als sie die Schelle hörten, die sie, seitdem sie im Herbst in den Stall gekommen waren, nicht wieder gehört hatten.
Und da kamen sie in feierlichem Zuge, Kjersti selbst an der Spitze, die Schelle mit dem eisenbeschlagenen Kloben in der Hand, hinter ihr die Sennerin, dann die Untersennerin, die Stallmagd und darauf die beiden Knechte, die dicke Knüppel austeilten, — auch Sidsel bekam einen — und zu allerletzt Bär, der heute auch mit dabei war.
Sie gingen in den Stall hinein. Da wurde es mit einem Mal wieder still; alle Kühe drehten die Köpfe nach der Seite, von wo der Zug hereinkam, und sahen mit großen, erwartungsvollen Augen drein.
Dann wurde das Vieh verteilt. Die Sennerin sollte die Ketten lösen. Sidsel, die Untersennerin und die Stallmagd sollten es mit ihrem Stecken durch die Tür hinausleiten; draußen im Viehgatter sollten die Knechte bereitstehen, um die Tiere in Empfang zu nehmen und auf den rechten Weg zu bringen — das Vieh sollte heute auf den Nordanger — und diejenigen, die zusammengerieten, trennen, und draußen wollten Kjersti und Bär stehen und sich das Schauspiel durch das Gatter ansehen.
Der große Augenblick war gekommen.
Kjersti ging zur Schellenkuh in den Stand hinein. Die richtete sich auf, hob stolz den Kopf, so hoch sie vermochte, und stand bumsstille, wie eine Mauer. Sie wußte genau, daß sie die vornehmste hier war, die als erste durch die Stalltür aus- und eingehen durfte; sie mußte aber auch zeigen, daß sie die Ehre wohl zu würdigen verstand, von Kjersti selbst das Ehren- und Machtzeichen, die Schelle, an- und abgeschnallt zu bekommen. Kjersti band ihr die Schelle um den Hals und löste ihr die Kette, die klirrend zu Boden fiel. Da schwenkte die Kuh langsam und bedächtig, wie ein großes, schweres Schiff, aus dem Stande heraus; feierlich und ernst nahm sie die Richtung auf die Tür zu, den Kopf hoch haltend und so ruhig, daß man kaum die Hörner sich bewegen sah, und die Schelle gab bloß einen kurzen, bestimmten Ton bei jedem Schritte.