Der nächste war der Bulle; dem löste die Sennerin die Kette; der ging ebenso ruhig und schwerfällig, und seine Hörner ragten so hoch, daß sie beinahe das Dachgebälk streiften, und waren so breit, daß es aussah, als füllten sie den ganzen Mittelgang aus. Sidsel hatte noch nie bemerkt, daß er so groß war. Und dann kamen der Reihe nach die andern, Brandros und Morlik, Kranslin und Reindrople, Svartsi und Drive, Farskol und Litago, Sommerlöv und Spasergang, Mörkei und Guldros, die ganze, lange Reihe abwärts bis zu den Färsen, deren Namen keines richtig behalten konnte, und die jungen Ochsen, die überhaupt keine Namen hatten. Und je weiter sie den Gang hinunterkamen, um so schneller ging es; sie streckten die Hälse und zerrten an den Ketten, sie stürzten auf die Kniee, wenn die Kloben an den Ketten nachgaben, sprangen wieder auf, daß es in den Gelenken krachte, liefen geradeswegs gegen die Wand oder oben in den Futtergang hinauf, scharten sich dann alle bei der Tür zusammen, kamen zwei und zwei nebeneinander her, liefen sich so fest, daß ihre dicken Bäuche wackelten, und bereits kamen neue von hinten nach und drängten vorwärts, schlugen mit den Hörnern, stießen und brüllten; plötzlich gab dann der Widerstand vorn nach, und der ganze Klumpen stürzte ins Freie.

Das Letzte, was Sidsel sah, war Krummhorn, die hinten ausschlug und mit einem langen Satz durch die Stalltür den andern nachsetzte.

Draußen war Lärm und Leben. Sie hoben die Köpfe, schnauften nach der Halde hinauf, und dann wurden sie wie besessen; alte, steifbeinige Kühe schlugen übermütig wie die Kälber mit den Hinterbeinen aus, machten mutwillige Sätze über den Hof hin, gerieten in ihrer Ausgelassenheit aneinander, daß die Hörner nur so krachten, stießen ein kurzes, wildes Gebrüll aus, wenn sie den kürzeren zogen, und fuhren auf eine zweite und dritte los — das Ganze ward ein einziger großer Wirrwarr von Schnaufen und Brüllen, Krachen der Hörner und Knacken der Gartenzäune, Aufklatschen und Knallen der Stecken, Rufen und Schreien von Menschenstimmen; und durch den Wirrwarr hindurch bahnte sich der Bulle, auf und abschreitend, die Hörner hoch über dem Ganzen, den Weg wie ein gewaltiger Schneepflug.

Nur die Schellenkuh stand ruhig ein Stück abseits und sah zu; ihr wagte keines zu nahe zu kommen.

Endlich war die Sennerin an die Spitze des Zugs gekommen und begann zu locken; da hob die Schellenkuh den Kopf, brüllte, daß es weit über den Hof schallte, und sprang hinterdrein. Ihr nach kam Brandros, die immer noch voller Wut schnaubte; nun hatte sie alle gezüchtigt, die es überhaupt der Mühe wert waren, und hatte sie auch nicht die Schelle bekommen, wollte sie doch wenigstens die nächste nach der Schellenkuh sein. Ihr wieder dicht auf den Fersen kam Krummhorn angesetzt, den Kopf hoch und mit wichtiger Miene; aber Brandros verstand heute keinen Spaß, schlug mit dem einen Hinterbeine aus und traf sie so mitten auf den Kopf, daß es Krummhorn vor den Augen flimmerte. Aber die Ziege schüttelte bloß den harten Schädel — tat, als wenn gar nichts geschehen wäre — das war wohl so Sitte unter Kühen.

Das Locken der Sennerin wurde immer lauter, eine nach der andern wurde aufmerksam, kam nachgesetzt, und bald lief der ganze Haufen unter lautem Schnaufen und Brüllen, Rufen und Schellenklang, Locken und klatschenden Schlägen hastig zum Nordanger hinauf.

Dort oben war das Gelände flach und weit weniger gefährlich; das Jungvieh tänzelte in wildem Spiele herum, und hier fand der letzte Kampf statt zwischen denen, die die Kräfte noch nicht gemessen hatten; denn dieser erste Kampf war für den ganzen Sommer entscheidend. Aber bald beruhigten sie sich, und ein paar Stunden später grasten sie friedlich Seite an Seite.

Die Knechte fingen an, heimzugehen. Bloß die Sennerin und Sidsel sollten noch eine Weile zurückbleiben, um aufzupassen, daß nichts geschah. Und richtig, es geschah etwas.

Brandros war die einzige, die sich nicht beruhigen konnte, schnaufend schritt sie hin und her — eigentlich hätte sie die sein sollen, die die Schelle trug — und mit einem Mal fuhr sie wie toll auf die Schellenkuh los. Es entstand ein Ringkampf, daß die Rasenstücke nur so in der Luft herumflogen; dann hörte man ein Krachen und ein kurzes, wildes Brüllen — Brandrosens eines Horn hing gebrochen herab und schlenkerte hin und her. Sie schüttelte den Kopf, daß das Blut weit herumspritzte, stieß von neuem ein lautes Brüllen aus, kehrte um und setzte in langen Sprüngen geradeswegs nach dem Hof zurück, auf die Stalltür zu, und dort begann sie zu brüllen, als ob sie den ganzen Gutshof niederreißen wollte.

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