Nach dem Mittagessen wurden die Kälber herausgelassen. Sidsel taufte sie Gulddrople, Rödsi und Morskol — der Ochse sollte noch keinen Namen bekommen —; sie sah wohl, daß Kjersti sich darüber wunderte, daß sie kein Tier Bliros genannt hatte, aber sie ließ sich nichts merken.
Sie trieben sie aus dem Verschlage heraus und über den Boden des Stalles hin in der Weise, daß jede von den Mägden ihnen einen Bottich mit etwas Dünnmilch vorhielt; die Kälber fuhren mit den Köpfen in die Eimer bis auf den Boden, die Mägde liefen dann mit den Kübeln voran, und die Kälber, die auch den letzten Tropfen mitnehmen wollten, ihnen nach, den Eimer wie große Hauben über den Köpfen tragend. Draußen vor der Stalltür schnappten die Mägde ihnen die Kübel wieder weg — und da standen sie, die noch niemals zuvor außerhalb des Verschlags gewesen waren, auf einmal inmitten der großen, wunderlichen, neuen Welt.
Sie sahen nieder und stelzten rückwärts, als ständen sie auf einer Treppe. Aber bald wagten sie, vorsichtig den einen Fuß vorzusetzen, dann den andern.
Es ging langsam, Schritt für Schritt, aber dann — dann begriffen sie, daß sie auch hier festen Grund unter den Füßen hatten; dies war bloß ein größerer, aber so herrlich heller Verschlag, wo es gewiß weit bis zur Wand war — schwupp! reckten sie die Schwänze gerade in die Höhe und setzten davon wie die wildesten Waldtiere.
Das war ein Gelaufe von Zaun zu Zaun, der Kreuz und Quer und rund im Kreise über die weiten Felder hin, und jedes Mal, wenn sie über einen Erdhaufen wegliefen, sahen Kjersti und Sidsel die aufgerichteten Schwänze sich wie Steuer gegen den Himmel abzeichnen. Sidsel fand, sie habe noch nie so etwas Lustiges gesehen. Aber lange blieben sie nicht beisammen; bald lief jedes in andrer Richtung, und am Abend mußte Sidsel sie einzeln aus den entlegensten Winkeln auf dem Felde zusammensuchen und eins nach dem andern wieder mit einem Eimer heimlocken; denn begreiflicherweise hatten sie noch nicht genügenden Verstand, um zu wissen, daß sie auch wieder nach Hause müßten, sie, die zum ersten Male im Freien waren.
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Sidsel lag wieder in ihrer kleinen Gangkammer. Es war am Abend des ersten Tages.
Erst sprach sie das kurze Nachtgebet, wie sie zu tun pflegte, streckte sich und fühlte sich wundervoll wohlig und müde im ganzen Körper.
Was das für ein Tag gewesen war! Sie wußte er war lang gewesen; aber wie schnell war er ihr vergangen. Sie mußte wirklich alles noch einmal überdenken.
Aber der Schlummer überraschte sie und warf die Bilder bunt durcheinander.