Die Alpfahrt.
Die Halde jenseits des Tals hinauf zieht ein langer Zug.
Am Kammerfenster daheim steht Kjersti Hoël und folgt ihm mit den Augen, soweit sie vermag, bis er über dem Bergkamm im Gebirge verschwindet.
An der Spitze reitet die Sennerin auf dem Soldatenpferd,[1] dem ein Frauensattel aufgeschnallt worden ist, ein hohes Gestell wie ein Lehnstuhl; und dort hoch oben thront sie in sonntäglichem Putz, im weißen Kopftuch, rotbäckig, rund und selbstbewußt. Nun ist sie die Hauptperson, diejenige, die das Regiment führt.
Nach ihr kommen zwei Knechte, jeder leitet eins der beiden Saumpferde, die unter dem schweren Packsattel im Rücken förmlich einsinken. Darauf kommt das Vieh in stolzem Zuge. Erst die Schellenkuh, dann Brandros mit ihrem schiefen Horn, dicht hinter ihr Krummhorn, darauf Mörkei und dann die ganze Schar — mit Ausnahme von Farskol und Litago, die heuer Stallkühe sein und die Kälber anlernen sollen, mit auf die Weide zu gehen — bis zum Stier, der zuletzt geht, als hätte er auf die ganze Schar aufzupassen. Dann kommen die Ziegen, die es immer eilig haben und gern an den andern vorbeikommen möchten; darauf die Schafe in einem dichten Klumpen, weiterhin vier große Schweine, und schließlich die Untersennerin und Sidsel Langröckchen mit dem Hirtenranzen auf dem Rücken.
Im Anfang ist es flott wie im Tanze gegangen; alle erinnern sich des Gebirges vom vorigen Sommer her, alle haben sich dorthin zurückgesehnt, es geht keinem rasch genug vorwärts. Aber je weiter sie bergauf steigen, desto steiler wird es, die Sonne steigt höher und brennt ihnen auf den Rücken; die Schweine fangen an, zurückzubleiben, versuchen, bei jedem Seitenpfad einen Abstecher zu machen, lauern nur darauf, etwas Schatten zu erhaschen oder eine Pfütze zu finden, in der sie sich abkühlen können; die Ziegen und Schafe merken, daß sie hungrig werden, schlüpfen zur Seite, wo sie einen Busch sehen und ein paar Blätter abknabbern können, oder sie entdecken ein Gatter, durch das sie neugierig hindurchgucken müssen, oder einen grünen Fleck; und die Färsen, die bisher noch nicht mit auf der Alp gewesen sind, begreifen gar nicht, wozu die unnötige Eile, und tun einfach nicht mehr mit, wenn nicht der Stecken über ihnen ist.
Also muß Sidsel oft vom Wege abbiegen, hinauf auf Seitenpfade, hinter Büsche und Sträucher, hinab ins Waldgestrüpp und in den Moorgrund und sie einzeln wieder auflesen, und kaum hat sie sie auf der einen Seite des Weges zusammengetrieben, so wischen sie ihr auf der andern wieder aus.
Sie hat eins ihrer Strumpfbänder nehmen müssen, um den langen Rock heute damit aufzubinden, damit er ihr nicht im Wege ist; denn sie muß tüchtig laufen und sich abmühen, ununterbrochen locken und rufen.
Es ist wirklich ein schweres Stück Arbeit; das blonde Haar wird ganz feucht, und ihr Gesicht ist so rot wie eine Preiselbeere; aber sie merkt es gar nicht, so ist sie in Anspruch genommen von all dem, was sie zu tun hat. Denn sie ist den ganzen Sommer über für das Kleinvieh verantwortlich, daß keins verloren geht und daß alle fett und blank zum Herbst wieder heimkommen; sie und die Sennerin haben gewissermaßen die Verantwortung, jede für ihren Teil des Viehbestandes, und wenn es auch bloß die Nachhut ist, die sie hat, so will sie doch nicht die Schande auf sich sitzen haben, daß sie nicht alle vorwärtsbringen könne.
Langsam steigen sie höher und höher hinauf, bald liegt das ganze Tal breit und hellgrün tief unter ihnen. Die Tannen werden niedriger und kahler, die kleinen Birken dichter, bald treffen sie die ersten Abgesandten der Krähenbeere und Zwergbirke. Aber nun sind sie auch über den Bergkamm gekommen.