Da ist es allen, als ob eine schwere Bürde von ihnen genommen wäre, alle Müdigkeit ist von Volk und von Vieh wie weggewischt, die ganze wunderbare Ruhe und Frische des Hochgebirgs strömt auf sie ein, sie befinden sich wie in einer neuen Welt; vor ihnen liegt das Gebirge mit seinen unendlichen Höhenzügen und Abhängen, bis es sich weit, weit in der Ferne in den blauenden Bergspitzen mit ihren weißen Schneestreifen verliert; und sehen sie zurück, so ist das Tal weg, versunken; jenseits sehen sie ebenfalls weite Bergrücken mit blitzenden Wassern und grünen Matten.

Alle holen tief Atem und sehen sich um; eine feierliche Ruhe kommt über alles; ganz von selbst ordnet das Vieh sich auf dem steinigen Weg, der sich schier ins Unendliche vorwärts schlängelt; sie versuchen nun nicht mehr zu entwischen, sondern gehen gleichmäßig und langsam. Nun bekommt auch Sidsel Zeit, sich umzuschauen. So weit hat sie noch nie sehen können, und hier oben soll sie den ganzen Sommer über bleiben!

Sie fühlt sich auf einmal so wunderlich klein und nichtig inmitten dieser überwältigenden, großartigen Natur; aber ihr wird gar nicht bange, nur feierlich und still zu Mute.

Unwillkürlich schweiften ihre Gedanken vorwärts, über diesen Tag, diesen Sommer, über viele Sommer hinaus; einmal wird sie groß und erwachsen sein, wie die Sennerin, die sie dort hoch zu Roß sieht, einmal wird vielleicht auch sie so sitzen und an der Spitze reiten.

Die Saumpferde wollen trotz ihrer schweren Last nicht langsam gehen, sie greifen aus, überholen die Sennerin, und bald sind sie über einen Bergkamm verschwunden, allen weit voran. Der Zug kommt langsam nach, Stunde um Stunde geht es vorwärts über Auen und Bäche, an Sennen und Moorgründen und klaren Gebirgswässern vorüber.

Sidsel darf sogar aufsitzen und eine Weile an Stelle der Sennerin reiten, die gern ein Stück gehen will.

Der Abend rückt heran. Jetzt ziehen sie hoch oben durch eine tief eingeschnittene Kluft in der Bergwand, die sie frühmorgens in weiter Ferne sahen, und nun geht es wieder bergabwärts; sie begegnen Birken und einer vereinzelten, verkrüppelten Fichte, und von unten herauf dringt das Rauschen eines großen Flusses. Nun stehen sie am Rande des Hochtals, wo die Hoëlalp liegt, und sehen hinab. Da unten auf einer weiten Matte liegt die Alp friedlich und grün, drei Sennhütten, Högseth, Lunde und Hoël. Aus zweien steigt der Rauch aus dem Schornstein empor in die stille Abendluft.

Sie bleiben stehen und halten Umschau: Dort also sollen sie den Sommer verbringen!

Die Kühe beginnen zu brüllen, und das Kleinvieh drängt sich vor und eilt den Weg hinab. —

Am nächsten Morgen treibt Sidsel schon früh die Schafe und Ziegen über die Matte auf der Hoëlalp. Sie hat keinen Ranzen; denn hier oben auf der Alp soll sie um die Mittagszeit heim zur Sennhütte.