Es ist strahlender Sonnenschein. Die Kühe sind bereits im Freien und traben in einer langen, schnurgeraden Linie von dannen, die Schelle ertönt in gleichmäßigen, tiefen Tönen, ihr Klang vermischt sich mit dem ebenso tiefen andrer Schellen von den Nachbarsennen, und mitten in dies ernste, feierliche Geläute klingt das feine, rasche Tingeln der kleineren Schellen der Ziegen und Schafe.
Nun soll Sidsel hinein in dieses große Unbekannte, wo sie nie zuvor war. Die Sennerin hat ihr deshalb auch gesagt, sie solle sich heute zum erstenmal nicht zu weit weg wagen, damit sie sich wieder nach Hause zurückfinde; sie solle sich nach den anderen Hirten richten und sich nur in deren Nähe halten — sie wüßte übrigens nicht ob es Buben oder Mädel wären, die heuer auf Högseth und Lunde hüteten.
Sidsel sah immerfort zurück, um sich die Richtung des Weges zu merken, und es wurde ihr förmlich schwer, die Sennhütte aus den Augen zu lassen. Aber das Vieh lief schnell von dannen, sie mußte ihm nacheilen, um es nicht ganz zu verlieren, und auf einmal, als sie sich wieder umsah, war die Hütte verschwunden; rings umher war bloß das unendliche Gebirgsland mit Anhöhen und Gründen und hohen Berggipfeln in weiter Ferne, und es war so weit und still, man hörte nur die Schellen, nicht einmal das Rauschen des Flusses drang bis hier herauf.
Sie fühlte sich auf einmal so unendlich einsam, so weit weg, fühlte ein so heftiges Bedürfnis, ein lebendes Wesen zu liebkosen, daß sie in die Herde hineinging und bald das eine, bald das andre der Tiere an sich zog und streichelte und hätschelte, und bald wurde die Schellenziege ganz eifersüchtig, stieß die andern weg und schmiegte sich schmeichelnd an sie. — —
Ho—i—ho, ho—i—ho! ertönte es plötzlich, daß es weit über das Gebirge schallte. Die Ziegen spitzten die Ohren, und Sidsel blieb gleichfalls stehen und horchte mit verhaltenem Atem; der Ruf kam so unerwartet, sie konnte nicht unterscheiden, aus welcher Richtung, wie aus allernächster Nähe und doch wieder wie von allen Seiten auf einmal.
Ho—i—ho, ho—i—ho! klang es noch etwas stärker.
Bald darauf hörte sie Schellen, viele Schellen gleichzeitig, und dann sah sie einen großen Haufen Schafe und Ziegen im Zug über den Bergkamm kommen.
Das mußten wohl die andern Hirten sein. Dort in der Ferne sah sie nun auch zwei Strohhüte über die Anhöhe auftauchen, und nach und nach wuchsen zwei lange Burschen empor, mindestens so groß wie der Jakob.
Sie wurde so verschüchtert, daß sie sich niederkauerte und hinter einem Erdhügel versteckte.
Die Burschen beschatteten die Augen mit der Hand und sahen hinab. Ho—i—ho! Sie lauschten. Ho—i—ho! Keine Antwort.