Und bald war es so sicher wie der Tag selbst: kaum kam Sidsel am Morgen mit ihrer Herde über den Abhang gezogen, da kamen sie auch dorthin, zumeist aus verschiedenen Richtungen, und lauerten förmlich darauf, wer von ihnen zuerst juchheien konnte. Und wenn sie sich dann trafen, waren sie eifrig bemüht, sich anzulügen, wie sie ganz zufällig gerade hierher gekommen wären; denn noch am Abend vorher hatten sie groß getan und unter sich über dies Hirtenmädel gespöttelt, das ihnen immer nachliefe und das sie nie los werden könnten, und hatten erklärt, am nächsten Tag würden sie nach einer ganz andern Gegend ziehen und sehen, ob das nicht hülfe.
Und dann machten sie Luftsprünge um die Wette und rangen oft die ganze Frühstückspause über; denn keiner wollte sich für überwunden erklären, und mehr als einmal mußte Sidsel sie zu ihren Herden jagen, weil sie alles vergaßen und Gefahr liefen, ihr Vieh zu verlieren.
Manchmal konnte es sich auch treffen, daß der eine etwas früher kam, und da wollte er durchaus, sie sollten schnell weiter ziehen; denn der andre wäre heute sicherlich nach einer andern Richtung gegangen. Und dann war es fast am lustigsten, fand Sidsel; denn dann hatten sie ihr immer so viel zu zeigen, wovon der andre angeblich nichts wußte, einen kleinen Bergsee, wo die Multbeeren[2] so massenweise blühten, daß der ganze Boden ringsumher wie mit Schnee bedeckt schien, und wo es zum Herbst fabelhaft viel Beeren geben würde — aber das wollten sie lieber für sich behalten, der andre brauchte nichts davon zu erfahren — oder das Nest eines Schneehuhns, in dem dreizehn große Eier lagen, oder einen abseitsliegenden Flecken, wo der Schachtelhalm unglaublich hoch und dicht stand.
Und bei solchen Gelegenheiten plauderten sie auch mehr mit ihr und prahlten und tollten nicht so, wie ihre Gewohnheit war, wenn sie beide mit ihr zusammen waren.
Sie kletterten in die Bäume hinauf und brachten ihr duftendes Harz, und sie pflückte Schachtelhalme für sie — denn um Schachtelhalme zu finden, muß man ein eigenes Geschick haben; und sie hatten nie jemand gesehen, der sich so gut darauf verstand wie sie; stand irgendwo auch nur ein einziger Halm, so konnte man darauf schwören, daß sie ihn fand, meinte Peter. Ja, Jon meinte sogar, sie fände welchen, selbst wo gar keiner wäre, er hatte nie etwas Ähnliches gesehen.
Und all den Spaß, den sie sich ausdachten! Eines Tages, als es regnete, machte ihr Jon einen großen Hut aus Birkenrinde, und am nächsten Tag brachte Peter ihr ein Paar Schuhe aus Birkenrinde — die Sennerin mußte laut auflachen, als Sidsel in dem Anzuge, ihre richtigen Schuhe in der Hand, heimkam. Tags darauf gab ihr Jon ein wirkliches Taschenmesser — sie sollte auch etwas haben, womit sie schnitzen konnte, und er selbst brauchte es nicht, er hatte ja sein großes Schnitzmesser in einer Lederscheide — aber am folgenden Tag kam Peter mit einer schönen Pfeife, die er am Abend zuvor aus einem Ziegenhorn für sie gemacht hatte, und die hatte einen so feinen Ton, daß man ganze Lieder auf ihr blasen konnte.
Jon dachte lange vergeblich darüber nach, was er dagegen aufstellen sollte, aber schließlich fand er es doch.
Sie hatten schon oft Krummhorn gesehen, die immer mit den Kühen weiden ging, gerade als ob sie selber eine Kuh wäre, und Sidsel hatte ihnen erzählt, daß es ihre Ziege wäre, aber so wild, daß es ganz unmöglich sei, sie dazu zu kriegen, mit den andern Ziegen zu weiden, ja, daß es nicht einmal möglich sei, sie im Winter im Schafstall zu haben — Kjersti Hoël hatte gesagt, wenn das so weiter ginge, müßten sie sie wohl zum Herbst schlachten.
Nun erbot sich Jon, Krummhorn zu zähmen; er werde ihr schon Sitten beibringen; es gäbe keine Ziege, die er nicht untergekriegt hätte.
Ja, wenn er das fertig brächte, so wollte Sidsel ihm gerne alles geben, was sie hätte.