Sie lockten den Bock heran; er kam, die mächtigen Hörner stolz in der Luft, und Krummhorn klepperte hinterdrein. Jon nahm dem Bock die Schlinge ab, kniete dann vor der Ziege nieder und zupfte sie am Barte.
Krummhorn scharrte mit dem Fuße, wie Ziegen zu tun pflegen, wenn sie gern von dem Zupfen befreit sein wollen, aber Jon ließ sie nicht los — er wollte ihr erst eine Vermahnungsrede halten: Nun hätte sie wohl die Übermacht gefühlt, sie sollte sich nicht einbilden, sie wäre eine Kuh. Von nun an müßte sie sich wie eine vernünftige Ziege aufführen, sonst würde sie es mit ihm zu tun kriegen. Bei jedem Worte zauste er sie am Barte, um der Ermahnung Nachdruck zu geben. Das tat weh, Krummhorn machte einen Satz geradeaus, so daß Jon auf den Rücken fiel, setzte glatt über ihn weg, das Weidenband nach sich schleifend, und trabte über das Moor in der Richtung auf die Kuhschelle zu.
Jon sprang auf, trampelte vor Wut mit den Füßen und lief ihr nach. Sidsel und Peter waren ihr bereits nachgesetzt. Sie riefen und schrieen, versprachen Krummhorn entsetzliche Prügel, wenn sie nicht stehen bliebe; aber Krummhorn tat, als hörte sie nicht. Unbekümmert lief sie davon. Die drei ihr nach. Die Burschen wurden immer wütender; das war ihnen doch noch nicht vorgekommen, daß sie so eine alberne Ziege nicht fangen konnten; und außerdem wollte jeder gern der erste sein. Schneller und schneller ging das Rennen, und obwohl Sidsel leichtfüßig war, besonders, da sie die leichten Rindenschuhe anhatte, blieb sie doch allmählich zurück — sie mußte ja auch in diesem langen Rock herumwaten und hatte obendrein heute morgen in der Eile vergessen, ihn aufzuschürzen.
Bald sah sie den letzten Schimmer von ihnen über den Hügel jenseits des Moors verschwinden — ja, wirklich hatte der Peter Jon überholt; er war doch der schnellste von den beiden — sie selber war nur bis zur Mitte des Moors gekommen.
Sie blieb stehen. Es war wohl das beste, sie ging wieder zurück und sammelte das Vieh, sonst konnte es passieren, daß sie alle drei ohne Herde nach Hause kamen.
Sie schlug die Richtung ein, aus der sie gekommen waren. Als sie sich dem Abhang näherte, hörte sie ein gewaltiges Dröhnen, das immer stärker und stärker wurde, sie fühlte förmlich den Boden unter ihren Fußen erbeben. Und dort die Halde entlang kam ein mächtiger Troß Pferde. Es waren eine ganze Masse, Fohlen, junge und alte Pferde, braune und scheckige, schwarze und weiße, und alle waren sie so glänzend blank, fett und dick und ausgelassen wild.
Sie liefen im Trab durcheinander, warfen die Köpfe zurück, und es dröhnte unter ihren Hufen wie schwacher Donner.
Halb ängstlich blieb Sidsel stehen; einen so großen Haufen Pferde hatte sie noch nie gesehen. Aber sie gaben acht, liefen im Bogen um sie herum, bloß ein paar blieben stehen und spitzten die Ohren und guckten, was das für ein kleines Ding sein mochte.
Dann liefen sie weiter, und einen Augenblick darauf waren sie vorüber — bloß das Dröhnen ihrer Hufe konnte sie noch hören, als sie den Weg nach der Senne hinunter einschlugen.
Aber das Vieh hatten sie freilich erschreckt; denn Sidsel konnte es nirgendswo finden. Sie lief von Hügel zu Hügel, horchte, lockte und lief weiter.