Nein, sie wollte auch jetzt nicht daran denken — sie hatte wahrlich andres zu tun. Gott Lob, daß sie heim sollten und daß alles so gut abgelaufen war; sie hatte alle ihre Ziegen und Schafe — außer Krummhorn. Von der hatte sie seit jenem Tage, wo sie gezähmt werden sollte, keine Spur mehr zu sehen gekriegt, aber gehört hatte sie, daß man weit oben im Gebirge eine fette Ziege gesehen, die einem weidenden Pferdetroß folgte.

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Den ganzen Tag lang geht der große Zug übers Gebirge, ruhig und gleichmäßig.

Alle, Mensch und Tier, sind gleichsam fetter und schwerer geworden als im Frühling, alle treten sicherer, fester auf, nirgends kann man eine Spur von Ermüdung bemerken, oder daß eins oder das andre zurückbliebe. Und ob es die Sennerin ist — „Butterfaß“ wie sie immer im Herbst genannt wird —, die rund und selbstzufrieden und rotbäckig noch einmal zurückschaut, oder ob es die kleine Sidsel ist, die vorwärts schaut, — beide denken sie, daß sie sich vor Kjersti Hoël ihrer Herden und des eingeernteten Winterfutters nicht zu schämen brauchen.

Es geht gegen Abend, und auf einmal führt der Weg steil bergab, und das Tal öffnet sich unten zu ihren Füßen; bereits können sie die Aue drüben auf der andern Seite erblicken.

Alle müssen unwillkürlich dahinüber schauen, aber noch können sie bloß einen grünen Streifen ganz oben am Abhang erkennen. Die einzige, die schon Häuser sieht, ist Sidsel — dort oben gegenüber sieht sie, wie die untergehende Sonne in einem kleinen Fenster einer niedrigen, grauen Hütte glitzert und blinkt — das ist Schloß Guckaus.

Dann mit einmal sind sie bis zum Rande der Aue gekommen, das ganze Tal liegt offen, breit und friedlich vor ihnen ausgebreitet, mit seinen gelben Äckern und dem Getreide auf den Diemen, mit grünen Abhängen und Birkenhainen, die in gelber und roter Färbung flammen.

Dort sehn sie auch Hoël; groß und schwerfällig, frisch aufgeputzt, liegt der Hof mit seinen breiten, blanken Fenstern da. Der Rauch steigt aus dem Schornstein auf wie ein einladender, Kaffee verheißender Willkommengruß; nun hat wohl Kjersti bereits den Kaffeekessel über das Herdfeuer gehängt, um sie zu empfangen, wie es sich gebührt.

Jetzt kommt Leben in die Reihen, alle wissen, nun steht Kjersti am Fenster und sieht, daß der Zug die Halde herabkommt; alle beeilen sich unwillkürlich, die Pferde greifen aus, die Kühe fallen in kurzen Trab, die Schellenkuh brüllt, daß es weit über das Tal schallt, die Schellen der Ziegen und Schafe tingeln, und Sidsel bläst einen schrillen Triller auf ihrer Hornpfeife. Alle im Tal sollen hören, daß jetzt die stolze Viehherde des Hoëlhofs von der Alp heimkommt.

Dann geht es in den Talgrund hinab und auf der andern Seite wieder hinauf; bald sind sie wieder daheim.