10.
Als Isolde spät abends in dieser Maienzeit mit dem letzten Zug aus Ludwigshöhe nach Haus zurückgekehrt war, befand sie sich in einer wunderlichen Stimmung.
Sie hatte heut ein Stück aus dem Werke ihres guten Freundes gehört.
Das war nicht die Arbeit eines modernen Menschen. So mochte Angelus Silesius gearbeitet haben.
Das war die Offenbarung eines Menschen, der wie die Natur schafft, ohne Eitelkeit, ohne Ehrgeiz, ohne Hast. Das, was er erkannt hat, legt er nieder in einer Form, die mit dem Inhalt in eins wächst, ein ganzes Leben der Erkenntnis.
Wie schön war es da oben gewesen, auf der Insel der Seligen!
Wie glücklich hatten sie zusammengesessen! Lu in ihrer rührend überirdischen Liebe die Hand ihres Mannes haltend, als er las. Dann war sie leise zu Isolde gegangen und hatte deren Kopf an ihre Brust gedrückt.
Wie konnte diese Frau schön sein, wenn es ihr in ihrer großen Liebe wohl auf Erden wurde.
Jede Bewegung von einer süßen, tiefen Zärtlichkeit; in jeder Silbe Wonne und lebendiger Frieden.
Isolde hatte daran gedacht, daß Mrs. Wendland einmal sagte: „Wenn ich die Lu mir vorstelle, seh ich, daß sie genagelt ist an ein Kreuz, mit tausend Rosen überdeckt, ein Golgatha, ganz in Rosen.“