Sie fuhr in offener Droschke vom Bahnhof nach Hause.
Mama schlief schon, der Vater war auswärts.
Isolde seufzte auf. Seit Mama die Sorgen losgeworden, war sie immer leidend und oft weinerlicher, kleinmütiger Stimmung. Isolde hatte es nicht leicht mit ihr.
Mama war eine so unbewegliche müde Seele geworden, die sich wie ein Bleigewicht an eine junge Kraft hing. Der Vater lebte, wie er es von je her gethan hatte, nur andern Stils jetzt.
Er hatte sein Heim in Berlin, wie in München, und genoß den Umschwung der Vermögensverhältnisse seiner Frau auf das Energischste.
Der Frau selbst waren die Fähigkeiten, zu genießen, abgestorben, so gar der gute Appetit. Mama war meist leidend und mußte knappe Diät halten.
Die Kräfte aufgebraucht, die Sinne stumpf, so stand sie dem Schicksal gegenüber, wie der Mann ohne Löffel, wenn es Brei regnet. Das war, wenn auch unbewußt, der Grund eines tief innerlichen Mißmutes.
Isolde trat in ihr stilles, ganz von lauem Maienduft erfülltes Zimmer. Vom englischen Garten brachte die feuchte Nachtluft ganze Wolken frischen Laubatems. Sie legte die Hände übers Haupt. Wie empfand sie heute das Frühjahr so stark! Es war etwas Beseligtes in ihr und in dieser Beseligung eine so wehe, weiche Sehnsucht. Sehnsucht nach Liebe, nach zärtlichen Händen, anschmiegen, Eins-werden mit dem andern. Sie wollte tief, tief lieben; nur nicht etwas Halbes!
Ein arbeitendes Weib ohne Liebe! O, nein! Sie lächelte. Nein, sie wollte das ganze Leben haben, das volle, das bis an den Rand volle.
Sie sah ihr Gesicht im Spiegel. Wie beruhigend, welcher Trost, daß sie schön war. Jetzt sollte der kommen, der sie lieben würde — den sie lieben würde. Sie war bereit.