Sie stand fest, da wo sie wollte. Nein, von hier verdrängte sie nichts mehr.
Jetzt konnte sie lieben! Wie jung sie war! Solch eine Jugend, die schwer an all dem trug, was sie besaß, wie eine beladene Biene, die aus Blumenkelchen kommt. So viel Macht und Willen — und ihr Können! — und die göttlichen selbständigen Stunden! Diese Seelenräusche, die einsamen, in denen ihre Seele untertauchte und badete, und denen sie glückselig und stark entstieg.
Sie hielt immer noch die Hände über dem Haupt gefaltet.
Ja, jetzt durfte er kommen, der, den sie lieben würde, — jetzt!
Ihr Leben sollte reich und schön werden.
Da kam ihr die Erinnerung, wie sie als Kind vor Henry Mengersens Radierungen gestanden, zum ersten Mal vom großen Geheimnis der Liebe rein berührt, nach jenem frühlingshaften Koboldstreiben unter den Schulmädchen; und wie sie nach Haus gelaufen war, das arme junge Herz zerspringend voll von dem Gefühl: das Herrlichste auf Erden ist Weib sein! — sich opfern!
„Ja, ja,“ sagte sie leise, „nur anders. Noch größer muß das Opfer sein. Menschlicher, schöner, bewußter.“
Da lag ein Brief, den sie übersehen hatte.
Sie nahm ihn, schaute auf die Adresse. Eine fremde Hand. Eine Bangigkeit stieg ihr wie von diesem Briefe auf — etwas sie Überschauerndes, Sonderbares.