So erregt war sie in diesen dunkeln Frühlingsstunden!
Eine Frauenschrift — eine gelenke Schrift ohne Charakter, mit blaßbrauner, gewässerter Tinte geschrieben.
„Ein Bettelbrief,“ sagte sie sich und öffnete ihn:
„Liebes, hochgeehrtes Fräulein!“ las sie.
„Verzeihen Sie einer Ihnen ganz Unbekannten, daß sie sich an Sie wendet. Eine feine junge Dame, wie Sie, lebt so anders wie unsereins und wird sich sehr verwundern. Mißachten Sie mich nicht, ich bitt’ Sie recht herzlich darum. Ich steh ganz allein und, liebes Fräulein, ich bitt Sie noch einmal recht herzlich, sein Sie so gut und denken Sie nicht schlecht von mir. Ich bin ein armes Mädchen. Es ist mir immer schlecht und knapp im Leben gegangen. Ich bin Ladnerin und auch Buchhalterin bisher gewesen und kenne Sie auch, gnädiges Fräulein. Sie haben manchmal unser Geschäft besucht.
Ich bin in Hoffnung, damit ich’s nur gesagt hab. Ich hab keinen Pfennig Geld in der Hand und meine Entbindung kann ich jede Stunde erwarten. Glauben Sie mir, nur in der größten Not und Angst wend ich mich an Sie. Die Hebamme, wo ich seit ein paar Tagen wohne, will mich nicht behalten, weil ich ganz mittellos bin. Sie will mich in die Anstalt in der Sonnenstraße schaffen.
Du lieber, guter, barmherziger Gott! Haben Sie Mitleid mit mir!
Ich weiß nicht aus und ein vor Angst. Ich bin guter Leute Kind. Die Eltern sind gestorben. Retten Sie mich, gutes, liebes Fräulein, daß mir das nicht geschieht. Ich stürb vor Scham. Thun Sie was für mich! Der Vater von meinem Kind will nichts mehr von mir wissen. Er hat jetzt eine Andre.
Ach daß er’s zuläßt, daß ich dort niederkommen soll! so nackt und bloß vor aller Augen. Die Hebamme sagt, der Kopf wird einem verdeckt! — Es ist doch auch sein Kind, er hat mich doch einmal gemocht.
Liebes, gutes, barmherziges Fräulein, thun Sie was für mich! Ich bitt Sie so sehr ich kann, mit aufgehobenen Händen. Gott lohns Ihnen, liebes Fräulein.“