Sie hatten das Mädchen auf die Anatomie gebracht.

„Wie?“ fragte Isolde verwirrt. „Ich will hin,“ sagte sie.

„Heut könnens auch hin,“ meinte die Person, die geöffnet hatte. „Aber ich möchts Ihna net raten.“

*

In einem öden, breiten Gang, wie sie offiziellen Gebäuden eigen sind, stand sie, bis eine Art Hausmeister sie in den Saal führte.

Ein kahler Raum, die untere Hälfte der Fensterscheiben mit weißer Ölfarbe verstrichen.

Die Wände grauweiß, lange graue Tische, grauer Steinboden — dort um den Tisch, da standen sie dicht gedrängt.

Da lag ihres Bruders Weib nackt vor kalten Blicken. Neben der Mutter, ihres Bruders Kind, wie eine welke Blütenknospe, formlos, schlaff. Isolde drückte sich an die graue Wand und starrte auf die Gruppe junger Männer in weißen Röcken und auf den langgestreckten, nackten, zermarterten Leib.

Ein weißes, starres Gesicht mit geschlossenen Augen, die Stirn von blonden Löckchen umrahmt, lag wie im tiefen, reinen Schlaf, einen wehen, eisernen Schmerzenszug um die blauen Lippen.

Isolde starrte auf diesen Zug. Der Brief des armen Dings knisterte noch in ihrer Tasche. Sie faßte danach. Sie hielt ihn fest in der Hand, wie ein wichtiges Dokument.