In Isolden stieg einen Augenblick der Gedanke auf, daß sie einen menschenwürdigen Sarg für den armen toten Leib besorgen wollte. — — Aber nein, daran nicht rühren! Sie ging, die ganze Seele voller Weltliebe, bereit sich zu opfern, — bereit, mit ihrem Leben einzustehen gegen die ganze Welt.

Und draußen war voller Frühling, Werdelust und Werdekraft in der warmen, sonnendurchströmten Luft.

Sie atmete tief, tief auf und ging an den gedankenlosen, hetzenden Menschen wie an Larven vorüber. Bis in die kleinste Faser war sie jetzt lebendig und wach, sich ihrer selbst bewußt, ihr Wille so mächtig. Alle Alltagsgesichter, die ihr begegneten, waren ihr wie durchsichtig, das dumpfe Befangensein in diesen Köpfen fühlte sie. Wie Tote erschienen sie ihr alle, im Gegensatz zu sich selbst.

Sie aber lebte!

*

Sie blieb über Mittag in ihrem Atelier. Unmöglich hätte sie heut ihrem Bruder gegenübersitzen können.

In dem großen, weiten Atelier wanderte sie auf und nieder, durchmaß breite Strecken in diesem stundenlangen, unaufhörlichen Sich-hin-und-her-bewegen.

Über ihr webten und wirkten wieder die Schwalben mit ihren seidenen Tönen Fäden über den blauen Himmelsraum.

Wie sie ihr zu Herzen drangen, diese Sommerlaute!

Und immer dieses starke, weite, alles überwindende Lebendig-sein! Dieser große Wille, dies Sich-opfern-wollen!