„Meine liebe Lu, Freimütigkeit ist nie unnötig. Denke, was für ein schönes Wort: Frei! — Mutig! — Zum Beispiel: Ich habe das Unglück, unter deutschen Frauen zu leben. Ich weiß nicht, womit ich das verdient habe. Die, mit denen ich muß leben, die werd’ ich nicht in ihrem Dunkel sitzen lassen. Alle deutsche Frauen sind Kühen,“ sagte sie aufseufzend.
„Das gehört eigentlich wieder unter vier Augen,“ meinte Frau Lu.
„Mit deinen, ‚unter vier Augen‘!“ Mrs. Wendland lächelte.
„Was man unter vier Augen sagt, ist so gut, als ob man gar nichts sagt — außer in Liebesdingen — ja dann — natürlich. Aber alles andre ist gut, wenn man aller Welt es sagt. Es wird bekannt. Ich sage alles, was ich denke.“
Der moderne Schriftsteller hatte eine zarte Applaudierbewegung mit den Spitzen seiner Finger gemacht, als Mrs. Wendland die eigentümliche Bemerkung über die deutschen Frauen vorbrachte. Mrs. Wendland hatte dies bemerkt.
„Und was soll ich von den deutschen Männern sagen, wenn ich muß sehen so etwas?“
Sie umgab den Schriftsteller wahrhaft mit der ruhigen Macht ihres Blickes. „Wenn ich sage, die deutschen Frauen sind Kühen, so ist das etwas Trauriges und ein schlechtes Zeichen für den deutschen Mann.
Wenn ich bin freimütig und sage, was Frau Lu von meinem guten Baron gesagt hat, so will ich, daß sie nicht soll erschrecken. Sie soll ganz ihr selbst bleiben — ganz ruhig in ihre Seele, nicht aus der Contenance kommen. Eine Frau, die gethan und gelebt hat, wie Frau Lu, die so gehandelt hat, muß souverain sein. Lu hat nie zu die Kühen gehört — nie. Lu nie.“
Das sagte Mrs. Wendland sehr bestimmt.