„Man darf sie nicht aus ihrem Haus nehmen, sie ist wie ein Fisch. Sie schwimmt nur in der Liebe von ihre Leute.“
Doktor Frey dagegen hob gerade das zurückhaltende, sich selbst verschweigende Wesen seiner Kollegin lobend hervor.
„Sie ist wenigstens nicht aufdringlich,“ sagte er. „Mir sind schriftstellernde Frauen wie jedem zuwider; aber sie behelligt einen Gottlob nicht, und ihre Leistungen — ausnahmsweise alle Achtung!“
Mrs. Wendland äußerte sich ein andres Mal wieder über ihre Freundin: „Sie ist eine Nachtigall. Im Dunkeln schlägt eine wehe selige Stimme, so wie das Herz der Nacht. Und man lauscht, und wer versteht, legt die Hände auf seine Brust und sagt: O du großes Leid! Alle tragen dich und wissen nicht — leiden und verstehen nicht, wie sehr sie leiden — und dieser unscheinbare Vogel weiß.
Zwischen einem Mann und seinem Leid steht seine nützliche Kraft; die läßt es nicht so nah zu ihm.
Zwischen einer Frau und dem Leid steht nichts.
Eine arme nackte Frauenseele wird nie so erstaunt fragen wie ein Mann: Wie ist das Böse in die Welt gekommen? Sie sieht und fühlt die Welt ganz anders.“
Mrs. Wendland hatte Lu Geber vor einem Jahre aufgesucht, nachdem sie ihr mit ein paar liebenswürdigen Zeilen gesagt hatte, wie sehr sie von ihr verstanden würde.
Und Mrs. Wendland hatte es nicht bereut, ihrem Impuls nachgegeben zu haben. Sie hatte in Lu und deren Mann Freunde gewonnen und zwar so eigenartige Freunde, wie es ihr Trieb nach Eigenartigem nur wünschen konnte. Beide waren Menschen, über die man sehr viel redete und die viel mißverstanden wurden. Nachdem mit großen Schwierigkeiten Helwig Gebers erste Ehe getrennt worden war, hatte er die junge Schriftstellerin geheiratet, die er schon kannte, als sie fast noch Kind war.
In seinem Hause war sie jahrelang ein- und ausgegangen. Er hatte das begabte, junge, wildaufgewachsene Ding arbeiten und denken, ungenutzte Kräfte brauchen gelehrt und hatte Verehrung und Unterwürfigkeit von dem ungezügelten Charakter des Mädchens dafür eingetauscht, hatte einen Kameraden in ihr gefunden, der wie ein treuer Hund zu ihm stand, immer bereit, ihn zu verteidigen, das Leben für ihn zu lassen. Sie hatte einen Gott in ihm gefunden, von dem sie alles hoffte, an den sie glaubte, zu dem sie heranwuchs. Sie wollte ihm ebenbürtig werden.