Es war bei zwölf Uhr, da wachte das Mädchen auf. Die Bäuerin stand vor ihr und sagte: »Wenn du lieber liegen bleiben willst, denn bringe ich dir das Essen in das Bett.« Johanna schüttelte den Kopf: »Nein, dann müßt' ich mich ja schämen; ich will aufstehen.« Die Frau lächelte: »Willst du auch lieber Mädchenzeug anziehen? Es ist was da, das dir passen wird; hier im Hause sind bloß lauter Leute, die nicht mehr reden, als sie sollen. Morgen kannst du wieder als [Koppelknecht] gehen.«
Sie legte ihr den roten Rock, das Leibchen, Strümpfe und Schuhe und alles, was dazu gehörte, hin, und als sie nach einer Weile wieder in die [Dönze] kam, und das Mädchen fix und fertig stehen sah, nickt sie ihr zu, aber mit eins nahm sie sie in den Arm, küßte sie und weinte an ihrem Halse. »Ich hatte zwei Töchter, gesunde, [glatte] Mädchen, Zwillinge. Alle beide haben wir vor einem Jahre tot im Busch gefunden. Wenn es dir in Peerhobstel nicht zusagt, komm hierher; du sollst wie eine Tochter gehalten werden.« Sie wischte sich die Augen. »Ja, was hilft das Weinen! Und es sind mehr da, denen es so gegangen ist, dem Wulfsbur nicht zum wenigsten. Ich will dir das verzählen, denn einmal mußt du es doch gewahr werden.«
Das Mädchen hörte zu und holte kaum Luft, solange die Frau sprach, aber die Tränen liefen ihr über die Backen. »Ja,« sagte der Bauer, der auch in die [Dönze] gekommen war, »den Wulfsbauern hättest du früher sehen sollen! Bei dem war jeden Tag Feiertag. Und jetzt, da ist er wie der [Grauhund], der über die Haide läuft und erst zufrieden ist, wenn er Blut lecken kann.«
Nach dem Mittagbrot, bei dem kaum ein Wort geredet wurde, half Johanna der Bäuerin im Hause; dann setzten sich beide hinter das Haus auf die Bank und strickten. Die Sonne schien warm, im Rasen blühten die [Osterblumen], die gelben [Buttervögel] flogen, die Elster suchte sich Reisig für ihr Nest, im Holze schlug die Zippe, und über der [Wohld] flogen zwei [Addernadler] und riefen laut.
Zwei Tage blieb der Wulfsbauer mit Thedel aus. Als er wiederkam, sah er müde aus, hatte dunkle Augen und enge Lippen. »Das Geschäft hat sich zerschlagen,« sagte er; »heute bin ich zu müde und will erst ausschlafen. Morgen früh wollen wir nach Peerhobstel.«
In der Nacht zog ein Gewitter vorüber. Johanna wachte davon auf und [verjagte sich]; aber als sie neben sich die Bäuerin, und vor der [Butze] Grieptoo fest und tief atmen hörte, schlief sie gleich wieder ein. Als sie am Morgen das Mannszeug anzog, packte die Frau die Mädchenkleider zusammen, machte ein Bündel daraus und sagte: »So, das soll deins sein, meine Tochter! Und das du es nicht vergessen tust: auf Wodshorn ist immer eine [Butze] und ein Platz am Tische für dich da.«
Es war ein schöner Morgen geworden; die [Moorhühner] waren überall zu gange, die Kraniche prahlten, die Kiebitze riefen und die [Himmelsziegen] meckerten. Überall in den Gründen war der [Post] ganz rot, und ab und zu stand ein Weidenbusch da, der wie eine helle Flamme aussah. Ein Rudel Hirsche zog über die Haide, blieb stehen, als es drei Reiter ansichtig wurde, und zog dann schneller dem Moore zu.
Als sie vor Fuhrberg über die hohe Haide ritten, heulte hinter ihnen der Wolf. Der Bauer drehte sich um und sagte: »Das sind unsere Leute!« und er gab den Wolfsruf zurück. Bald darauf kamen zwei Reiter aus dem Busche; es war Viekenludolf und Grönhagenkrischan. »Na, schon so früh auf, Ludolf?« begrüßte ihn Wulf; »bist wohl gar nicht im Bette gewesen?« Der Dollhund [griente]: »In meinem allerdings nicht. Schade, daß du gestern nicht dabei warst! Wir haben einen guten Zug gemacht. Na, wir kommen da ja vorbei; kannst es dir selber ansehen.« Er sah nach Johanna hin. »Ist ein Freund von mir, Hans geheißen,« sagte der Ödringer. »Hm,« brummte der Rammlinger und wollte [grienen], verkniff es sich aber, denn der andere lud ihn dazu nicht ein.
Er ritt mit Wulf voran und flüsterte ihm etwas zu. Harm ließ ihn dann vorausreiten und fragte Johanna: »Hans, kannst du es mit ansehen, wenn ein Birkenbaum faule Äpfel trägt? Es sind ein paar Schandkerle weniger geworden auf der Welt. Ich muß dahin; wenn du willst, kannst du mit Thedel hier so lange warten.« Das Mädchen schüttelte den Kopf: »Ich wollte froh sein, wenn alle Birken so reich tragen wollten; dann hätten es alle Menschen, die frommen Herzens sind, besser!« Der Bauer nickte.
Da, wo der [Dietweg] die Heerstraße schnitt, standen etliche hohe Birken beieinander. Fünf Männer und zwei Frauen hingen daran. Über jedem war eine aufrechtstehende Wolfsangel in die Rinde gehauen, und der älteste Mann, ein Kerl mit einem schwarzen Bart, hatte ein Brett zwischen die Hände gebunden; mit Rötel waren darauf folgende Worte geschrieben: