Die Kirchenleute

Besseres Korn gab es im nächsten Jahre wohl, aber auch reichlich Disteln und Dornen, denn der Krieg wollte und wollte nicht aufhören. Tilly und die Dänen zogen sich immer noch hin und her, und wo sie sich kabbelten, war alles zertreten.

Herzog Christian, der nicht wußte, auf welche Seite er sich schlagen sollte, mußte es mit ansehen, wie das Land verwüstet und die Leute ausgeraubt wurden, aber alle Einnahmen konnte er auch nicht schießen lassen, und so kam auf dem Landtage wieder eine dreifache Schatzung heraus.

Als der Peerhobstler Vorsteher davon Meldung bekam, sattelte er den Schecken und ritt mit Thedel nach Celle. Ihm wurde schlecht zumute auf dem Wege; man merkte es, daß überall der Hunger an dem Herdfeuer saß, und daß die Pest in die Fenster sah. Unter den Mauern von Celle waren erbärmliche Hütten und Schuppen aufgebaut; darin fristeten die Bauern aus den ausgeraubten Dörfern ihr Leben durch Betteln und Stehlen und auch durch Raub und Mord.

Als die beiden Peerhobstler, zu denen unterwegs noch sechs von den Dreiunddreißig gestoßen waren, damit der Unterobmann sicherer reisen konnte, vor dem Kruge einen Schnaps tranken, sahen sie eine Frau, die auf dem Anger ihr Kind begraben hatte und dabei ein ganz zufriedenes Gesicht machte. Als Wulf sich darüber verwunderte, meinte sie: »Ja, so wie es heutigen Tages zugeht, muß man weinen, wenn eins kommt, und Gott loben, wenn es wieder geht!«

Just kam ein Kerl aus dem Kruge, ging auf die Frau zu, faßte sie um, obzwar die Frau nicht danach aussah, als ob sie einem Manne gefallen konnte, denn sie hatte kaum ein Lot Fleisch im Gesichte. Sie wehrte sich, aber der Kerl lachte und wollte sie vor sich herstoßen. Da ritt der Wulfsbauer hin, langte den Mann am Hosenbund hoch und setzte ihn so unsacht in einem Schlehbusch, daß der Lümmel für das erste darin blieb.

»Das war mannhaft getan!« rief es hinter dem Bauern, und aus einem herrschaftlichen Wagen nickte ihm eine Edeldame zu, als er sich umdrehte. »Wie heißt er?« fragte sie, und als er seinen Namen offenbarte, sagte sie: »Wenn er einmal eine Hilfe nötig hat, die Gräfin Trutta von Merreshoffen kann ihm vielleicht die Tür aufmachen lassen.« Der Bauer zog den Hut: »Dann bin ich so frei, gnädigste Gräfin, auf dem Fleck darum zu bitten. Ich habe den großen Wunsch, unserem allergnädigsten Landesherrn eine Gemeindeangelegenheit vorzutragen, und ohne Fürsprache ist es wohl ein schweres Ding für einen einfachen Bauersmann, als wie ich bin, an ihn ranzukommen.« Die Gräfin lachte: »Melde er sich nur um elf Uhr; er kommt schon ran.« Sie nickte ihm zu, lachte noch einmal und fuhr weiter.

Schlag elfe war der Bauer im Schlosse. Ein Lakai fragte ihn: »Was will er?« Wulf sah den kleinen Mann von oben an: »Für ihn bin ich ein ihr und kein er,« gab er ihm auf den Kopf; »ich bin bei dem allergnädigsten Herrn Herzog angemeldet!« Der Mann machte ein dummes Gesicht, ging fort, und bald darauf kam ein anderer Diener, der den Peerhobstler in ein Zimmer führte, in dem ein Offizier Wache stand; einige andere herrschaftliche Personen lauerten da auch schon. Alle sahen den Bauern an, der zwischen ihnen aussah, wie ein Eichbaum über lauter [Machangel]büschen. Erst wurde ein kleiner alter Herr abgerufen, der gleich wiederkam und einem anderen zuflüsterte: »Schön Wetter heute!« Dann winkte der Offizier dem Bauern.

Dem war anfangs erst etwas [benaud] zumute, aber als der Herzog ihm die Hand gab und ihn fragte: »Na, wo drücken ihn denn die [Krähenaugen]?« da erzählte er kurz, womit er hergekommen war. Der Herzog sah ihn ernst an: »Geht nicht, geht schlecht; könnten alle kommen. Schatzung muß bezahlt werden! Wovon Wege erhalten, für Ordnung sorgen?« Er kniff sich die Stirn: »Will ihm was sagen, aber behalte er es für sich: will in Anbetracht der besonderen Umstände Steuer aus meiner Tasche hinlegen auf fünf Jahre. Dann müßte ihr aber schatzen, wie die anderen alle. Übrigens aller Ehren wert, daß Kopf hochgehalten und Maul nicht hängen gelassen wie Leithund. Habe schon von ihm gehört, das und,« er sah ihn scharf, aber nicht ungut an, »auch noch etwas anderes. Immer vorsichtig sein, sich nicht auf mich berufen, wenn es sich nicht um augenscheinliche Räuber und Mörder handelt? Verstanden?« Der Bauer nickte.

Der Herzog besann sich einen Augenblick, fragte nach der Ernte und ob im Bruche die Pest auch schon Quartier genommen hatte, und dann schmiß er Wulf das Wort zwischen die Beine: »Wer sind die Wehrwölfe?« Der Peerhobstler hob die Hand: »Darüber steht mir keine Rede zu!« Der Herzog machte eine krause Stirn: »Auch gegen mir über nicht?« Und als er wieder keine andere Antwort bekam, fragte er: »Gehört wohl selber dazu?« Dann aber lachte er und sagte: »Na, vielleicht besser so! Darf nicht alles wissen; sonst am Ende aufkommen dafür. So schon Sorge genug! Schlimme Zeit, Gott sei's geklagt! Hoffen, bald anders wird! Halt er sich wacker!«