Er sah blaß und elend aus, als er am Abend in seiner [Dönze] bei der kleinen eisernen Öllampe saß, denn sein Herz, das sich bis dahin noch keinem Weibe zugewandt hatte, hatte immer schnell geschlagen, wenn er die Frau nur von weitem sah. Aber mit keinem Blicke, geschweige denn mit einem Worte, hatte er sie merken lassen, wie es um ihn stand. Als Mieken kam und sagte: »Die Frau ist uns eben [weggeblieben],« da war er wohl so weiß, wie eine Wand, als er in die [Dönze] kam, und seine Hände [beberten], als er ihr die Augen zudrückte, aber keiner sah es ihm an, wie ihm zumute war.
Als er aber am Abend nach der Beerdigung das Kirchenbuch auf den Tisch legte und die Gänsefeder in das schwere silberne Tintenfaß steckte, das einer von der Bande des grünen Johann im Zwerchsack gehabt hatte, da fielen zwei Tränen auf das grobe Papier, auf das er mit seiner schönen großen Schrift die Worte hinsetzte: »Ao. Dnj 1632 den 18. Novembris wurde die Wulfsbäuerin und Ehefrau des Burvogtes Harm Wulf Johanna Maria Elissabeth bürtigke Neugebauerin/des ausgetriebenen bayerischen Praedicatoris Bartoldi Neugebaueri/Ehren/eheliche Tochter/allhier bestattet. Selbige war eine Leuchte voor allen Weibern. HERR! gieb ihr die ewige Ruhe und das ewige Licht leuchte ihr!« Als er einen Monat später darunter schrieb: »Sie starb desselbigen Tages, da der Schwedische König Gustavus Adolfus / GOTT habe ihn selig! / bei der Statt Lüttzen zu Tote gekommen ist,« da fielen noch einmal zwei Tränen auf das Blatt.
Über diesem Buche saß der Prediger manchen lieben Abend, denn er hatte aus den Bauern alles herausgefragt, was sich in Ödringen und hinterher in Peerhobstel an wichtigen Dingen begeben hatte, und das hatte er sich auf allerlei Zettel geschrieben. Von einem Wehrzuge hatte dann Renneckenklaus außer einem silbernen Kreuze und einem goldenen Altarkelche das Buch mitgebracht, das die Marodebrüder mit sich geschleppt hatten, weil es in teueres Leder gebunden war und drei silbervergoldete Schlösser hatte, und nun saß der Prediger, so oft er Zeit hatte, darüber und schrieb alles das hinein, was er erfahren hatte.
Auf der ersten Seite war ein schwarzes Kreuz gemalt, das aus einem roten Herzen kam; darunter war zu lesen: »Vnser Anfang Vnd Vnser Ende steht im Namen des HERRN, der Himmel Vnd Erde gemachet hat.« Auf der zweiten Seite aber stand: »HISTORIA PEERHOBSTELIANA OEDRINGENSIS que / das ist: Gründlicher Wahrhaftiger Vnd Bestendiger bericht Von dem anjetzt wüsten Dorfe Oedringen vnd der Nohtkirche vnd Gemeinde Peerhobstel/sowohl, was sich unter seinen Zeiten begeben als waß ehr Veber di früheren heraußbekomen/der posteritet Vnd nachkommen zu gut Vnd besten/durch J. J. Josefum Puttfarkenium, Praedicatorem Ao. Dnj 1632.«
Schon im nächsten Monat mußte der Prediger wieder einen Todesfall eintragen, und wenn ihm dabei auch keine Tränen aus den Augen liefen, so ruhig, wie sonst, schrieb er doch nicht, denn wieder war ihm jemand genommen, dem er mehr zugetan war, als irgendeinem anderen aus der Gemeinde. Der alte Ul war es; schon längere Zeit hatte er es auf der Brust gehabt, und als die Wulfsbäuerin ihm unter den Händen [wegblieb] und nicht wieder zu sich kam, da wurde er wie ein Schatten an der Wand, denn wer es nicht wußte, wie es war, der hätte die beiden für Vater und Tochter gehalten, wenn er sie zusammen sah. Bevor er ganz von sich kam, hatte er noch gesagt: »Ich komme zu meinen Töchtern Rose und Johanna.«
Ein Vierteljahr darauf, als die erste [Dullerche] über der Haide sang und die Räuke über der [Wohld] riefen, ritt der Prediger mit Schewenkasper, der ihm neben der Arbeit auf dem neuen Hofe um den Gotteslohn als Küster diente, und mit Mertensgerd, der auch einer von den Stillen um ihn war, die keine starken Getränke und kein unchristliches Wort in den Mund nahmen, nach Engensen. Die Wulfsbäuerin hatte ihm alles anvertraut, was zwischen ihr, Wieschen und Drewesvater abgemacht war, denn ihrem Mann wollte sie keine Unruhe machen. Der Prediger hatte ihr in die Hand versprechen müssen, daß er dafür sorgen wolle, daß das Mädchen als Bäuerin auf den neuen Hof käme.
»So also sieht der berühmte Oberobmann Meine Drewes aus!« dachte der Prediger, als er dem Burvogte die Hand gab. So alt und mit so weißen Haaren und so vielen Falten um den Mund und bei den Augen hatte er ihn sich nicht vorgestellt. Wenn der Mann auch noch wie eine Eiche dastand, der Wurm saß in ihm und unter der Borke war er morsch und [olmig].
Er wußte wohl, was den Mann drückte, der eines Tages gesagt hatte: »Ehe daß ich mir und meinen Leuten auch nur einen Finger ritzen lasse, will ich lieber bis über die Enkel im Blute gehen.« Aber wem ging es nicht so von den Männern, die sich auf ihren Höfen gehalten hatten?
Als er dann mit dem Bauern über Wieschen und den Wulfsbauern gesprochen hatte und mit ihm allein war, denn das Mädchen war mit der Magd melken gegangen, und der alte Mann ihm offenbarte, was er auf dem Herzen hatte, tröstete er ihn, so gut er konnte. »Wer sich und die Seinen gegen Schandtat und Greuel wehrt und [Witfrauen] und Waisen beschützt, Drewsbur,« sagte er, »den wird unser Herrgott willkommen heißen, und wenn seine Hände auch über und über rot sind.« Da hatte der alte Mann tief aufgeseufzt und gesagt: »Dennso will ich mir darüber keine Gedanken mehr machen, euer Ehren.«
Hinterher sprach der Prediger dann mit Wieschen. Das Mädchen wurde immer stiller, je mehr er sprach, und schließlich sagte sie: »Ich habe gedacht, daß ich darüber weg bin, aber dem ist nicht so. Mein Wort halte ich, und ich würde es halten, wenn ich auch in der Zeit gelernt hätte, einen anderen gern zu haben. Das ist nun nicht so, jedennoch: der Wulfsbauer denkt in keiner Weise an mich, und es wäre mir schrecklich, zu denken, wenn er glaubte, ich hätte auf den Tod seiner Frau gelauert. Ich bin kein eines Mal in der Kirche gewesen, ohne Gott zu bitten, daß er ihr ein langes Leben geben soll, denn seit dem Tage, daß sie sich mit mir ausgesprochen hat, ist sie mir so lieb gewesen, als wie eine Schwester. Und wenn er eine andere findet, die ihm lieber ist, und die ist gut zu den Kindern, keine sollte das mehr freuen, als mich, denn um alles in der Welt möchte ich nicht, daß er denkt, ich wollte ihn zwingen, weil seine selige Frau einmal diesen Wunsch hatte.«