Aber so ganz traute man dem Frieden doch nicht. Es war ja auch gar nicht zu denken. Frieden? Arbeiten und essen und schlafen ohne Angst und Bange? Keinen Feuerschein mehr am Himmel sehen? Kein Ach- und Wehgeschrei mehr hören? Wieder lachen und singen dürfen? Und spielen und tanzen? Und sich darüber freuen, wenn ein Kind geboren wird? Wer das glaubt, der ist unklug! Dem hat der Krieg den Verstand verrückt! Für den ist es Zeit, daß man für ihn aufpaßt! Denn es geht ja doch bald wieder los! Das kennt man ja! Nach dem Lübecker Frieden Anno 1629 wurde es bloß noch schlimmer! Und das waren nun schon sechzehn Jahre her, nein, siebzehn. Und vor vier Jahren, hatte der Herzog da nicht seinen Frieden mit dem Kaiser gemacht? Und was hat es geholfen? Gar nichts, es wurde bloß noch einmal so doll!
Aber zuletzt mußten sie es doch glauben. Es war wirklich anders geworden in der Welt. Not und Elend gab es ja noch überall genug, aber das Morden und Martern war doch nicht mehr so im Gange. Es blühten auch viel mehr Blumen, die Vögel sangen schöner denn je und die Luft war so ganz anders, gar nicht mehr so, als wenn es immer nach Rauch und Blut roch. Es mußte also doch wohl stimmen, was der Prediger in der Kapelle vortrug, daß es dem Kaiser und den Fürsten ernst damit war. Sonst würde der alte Drewes nicht mit einem Male wieder den Kopf so hoch halten. »Das will ich noch [beleben], aber denn ist es Zeit für mich,« sagte er.
Er erlebte es noch. Es war Anfang November, da kam Viekenludolf angejagt, schrie wie ein Ungetüm, sprang vom Pferde wie ein Junge, drehte die Wulfsbäuerin herum, daß man ihre halben Beine sah, lachte wie unklug und rief: »Ihr glaubt wohl, ich bin besoffen? Keine Spur! Ich bin so nüchtern wie ein [ungebörntes] Kalb. Aber es ist Friede, Friede für immer, gewiß und wahrhaftig, und wenn ihr es mir nicht glauben wollt, hier lest, oder der Prediger soll es vorlesen! Das habe ich von einem Manne gekauft, der mehr solche Blätter aus Celle mitgebracht hat. Unserem Herzog sein Siegel ist darunter. Da, euer Ehren!« Er fiel auf die Bank und jappte und mit einem Male lief ihm das Wasser aus den Augen.
Er sprang aber gleich wieder auf, denn der Wulfsbauer kam angelaufen. Er war im Grasgarten gewesen und hatte das Schreien und Weinen und Lachen gehört. Und nun stand er da und [beberte] an allen Gliedern und sah wie eine frisch gekalkte Wand im Gesichte aus. »Wawawas ist llos?« stotterte er. Der Prediger hob die Hand. »Ich werde vorlesen.« Alle falteten die Hände, bloß der Burvogt nicht; der hatte keine Kraft dazu. Er stand an der Hauswand, sah ganz elend aus, hatte den Mund offen und ganz unglückliche Augen, und holte so tief Luft, als wenn er ersticken müßte.
Der Prediger hatte zu Ende gelesen. Alles lachte und weinte wie verrückt durcheinander. Mit einem Male drehten sich alle um. Was war denn das? Der Wulfsbauer hatte ganz schrecklich aufgeschrien, und jetzt stand er mit dem Kopfe gegen die große Tür, hatte die Hände vor dem Gesicht und weinte wie ein Kind. Dann drehte er sich um, ging wie ein todkranker Mann auf seine Frau los, nahm sie an den Arm und sagte: »Mutter, bring mich zu Bett; ich bin ja so müde!«
Die Frau faßte ihn unter den Arm, wischte ihm die Tränen ab und sagte: »Ja, ja, ich bringe dich zu Bett, mein Junge. Du sollst nun auch schön schlafen.« Da lachte keiner von den Leuten mehr; es wurde ganz still, nur daß auf der Wiese die Kinder das neue Lied sangen, das sie in der Schule gelernt hatten:
Herzlich tut mich erfreuen
die fröhliche Sommerzeit,
all mein Geblüt erneuen,
die Mai in Wollust freit;
die Lerch tut sich erschwingen
mit ihrem hellen Schall,
lieblich die Vögelein singen
dazu die Nachtigall.
Die Haidbauern
Der Wulfsbauer schlief sich ordentlich aus; er schlief drei und eine halbe Woche lang, und er wäre wohl überhaupt nicht aufgewacht, wenn er nicht so eine Bärennatur gehabt hätte.
Denn er hatte das Nervenfieber bekommen. Es war zu viel für ihn gewesen. Auch hatte er zu tief durch Blut gehen müssen; erst bis an die Enkel, dann bis zu den Knien, bis er bis über die Lenden darin stand und es immer höher und höher stieg, so daß es ihn schließlich bis an den Mund kam. Viel hatte nicht mehr gefehlt, da lief es ihm da hinein und er mußte ersticken.