Schon längst hatte er es nicht mitansehen können, wenn ein Schwein geschlachtet wurde. Wurst, die aus Blut gemacht war, aß er seit Jahren nicht mehr, und ihm wurde schlecht, wenn sich eins von den Kindern in den Finger schnitt.
Aber er hatte das alles für sich selbst behalten; zu keinem Menschen hatte er darüber gesprochen, weder zu Drewes, noch zum Viekenbauer, noch zu dem Prediger, geschweige denn zu der Bäuerin. Er hatte all seinen Ekel jeden Tag in sich hineingefressen wie der Hund seinen Unrat, und hatte darüber harte Augen und einen engen Mund gekriegt und vor der Zeit ganz graue Haare.
Nun waren sie schneeweiß geworden, wo er knapp fünfzig Jahre alt war. Aber die fünfundzwanzig Kriegsjahre hatten doppeltes Gewicht; er kam sich vor, als wenn er schon achtzig auf dem Puckel hatte. Er wurde wieder ganz gesund, er ging dahin wie ein junger Mann, er konnte arbeiten wie ein Knecht von fünfundzwanzig, er hielt noch eine volle Sense mit einer Hand wagerecht, er hatte kein bißchen von seinem Gesicht und Gehör verloren, er konnte noch über das ganze Dorf schreien, er ritt wie ein Junge, er aß wie ein Drescher, aber alt war er darum doch.
Nicht, daß er in der Arbeit nachließ; das war eher umgekehrt. So wie er wieder auf den Beinen war, ließ er auf der Wüste Bauholz schneiden, denn den Wulfshof hatte er für seinen zweiten Sohn bestimmt. Er hatte den einen nicht lieber als den anderen, aber Johanna, und wenn sie ihm auch die liebste von seinen Frauen gewesen war, sie war immerhin aus der Fremde gewesen, und deshalb hatte er ihren Sohn auch auf den Namen Bartold taufen lassen, denn so hieß ihr Vater; den Jungen aber, den er von Wieschen als ersten bekommen, nannte er Harm, wie jeder älteste Wulf gerufen wurde. Der bekam also den alten Hof und den alten Kesselhaken, auf dem zu lesen stand: Ao 1111 Do. Bartold aber blieb auf dem neuen Hofe und hieß bald nicht mehr Wulf, sondern Niehoff, und als Hausmarke nahm er zwei Wolfsangeln, die über Kreuz standen.
Auch in den Gemeindeangelegenheiten ging der Burvogt scharf in das Geschirr. Sein erstes war, daß er für eine Kirche sorgte, denn eine eigene Kirche waren die Peerhobstler nun einmal gewöhnt. Das gab viel Lauferei und Schreiberei, aber Wulf setzte es zuletzt doch durch, und als der Prediger fragte: »Ja, aber das Geld?« da sagte der Bauer: »Ich gebe fünftausend Taler in Gold, denn ich will es los sein,« und da wußte Puttfarken, was das für Geld war. Außerdem war noch die Kette aus bunten Steinen und Perlen da, die Schewenkasper seinerzeit dem kaiserlichen Hauptmann aus dem Hosensack genommen hatte und die meist ebensoviel wert war, und die anderen Bauern gaben auch nicht wenig, denn die Beutegelder drückten ihnen allen auf der Brust. Zu allerletzt kam noch der Viekenbauer, zählte tausend blanke Taler vor den Prediger hin und sagte: »Das ist vor den Schreck, den ich euch allen durch meine Dummheit eingejagt habe, und Trina meint überhaupt: solch Geld, das bringt doch keinen Segen!« Und so bekam Ödringen die Kirche.
Auch als es für den Herzog hieß, Gelder für die Schweden zusammenzukratzen und die schweren Schatzungen kamen, mußte sich der Wulfsbauer gehörig rühren und mehrere Male ritt er nach Celle, bis er es fertigbrachte, daß die kleinen Leute nicht zu sehr mit Lasten bedrückt wurden. Die Gräfin Merreshoffen lebte noch, wenn sie auch schon ganz weiß und dünn war und ein Gesicht wie Wachs hatte.
Sie ließ sich viel von dem Peerhobstler erzählen, nickte und sagte: »Ja, es ging ein böser Wind damals. Hier sitzen wir, sind noch keine sechzig alt und sehen wie achtzig über den Ohren aus. Aber er hat wenigstens seine Gesundheit und Frau und Kinder, und ich habe nichts als das bißchen Geld und allerlei dummerhaftige Erinnerungen. Aber verlasse er sich darauf: die Sache kommt in Ordnung; darauf hat er meine Hand!« Als er ging, sagte sie zu ihrer Nichte: »Ich habe bloß zwei Männer in meinem Leben gekannt, Georg Eisenhand und den da, Brigitta!«
Mehr als einmal mußte Harm beweisen, daß er noch der alte war. Die kleine Arbeit hatte er dem Viekenbauer und Schierhornhelmke überlassen, und die seiften die Haide so gründlich ab, daß sich kein Ungeziefer mehr darin halten wollte. Er lebte noch eine ganze [Stiege] von Jahren und konnte viererlei Enkelkinder auf den Knien reiten lassen.
Aber als dann seine Frau starb, hatte er so recht keine Lust am Leben mehr. Er hatte sein Teil Arbeit im Leben getan und mehr als das; er war nicht mehr nötig auf der Welt. Seine Augen waren mittlerweile wieder etwas heller geworden, aber sein Mund sah aus, als wenn er Angst hatte, daß ihm Blut hineinlaufen konnte. Er starb jedoch ganz sanft und alle seine Kinder und Kindeskinder waren bei ihm, und der Viekenbauer, der noch immer hinter jedem [glatten] Mädchen hersehen mußte, wennschon das nicht viel Zweck mehr hatte, und Thedel und der Prediger, der wie ein ganz alter Mann aussah.
Es war eine [Leiche], wie man sie um das Bruch herum noch nicht [belebt] hatte. Alle Wehrwölfe gingen mit, die noch am Leben waren, und außerdem jeder, der eben Zeit hatte, so daß der Wulfshof schwarz von Menschen war. Es war ein dusterer Spätherbsttag, als Harm Wulf auf immer schlafen ging, und während der Leichenandacht auf der [Deele] [nieselte] es. Als aber der Prediger nach der Beerdigung von der Kanzel den Nachruf für den Toten hielt, worin er ihn mit Simson verglich und mit Judas, dem Makkabäer, die ihre Völker vor den Feinden bewahrten, rot bis an den Hals vor Blut gewesen waren und doch Gott wohlgefällig, da kam die Sonne durch und alle Gesichter sahen hell aus, und auch die Wehrwölfe bekamen blanke Augen und dachten an die schrecklichen und doch so schönen Tage, da sie einen Tag um den anderen den Bleiknüppel über der Hand hängen hatten.