Anastasia ist trotz der frühen Morgenstunde vollständig betrunken. Sie kniet weinend neben dem Bett, murmelt eintönige Worte, schwankt und trinkt von Zeit zu Zeit ein Gläschen Wodtka.

Ivan kauert erschreckt in einer Ecke.

Die bucklige Schustersfrau bringt Blumen und legt sie auf Nadjas Brust. »Sie soll doch noch den Frühling merken, die Arme.«

Das Zimmer füllt sich mit Sonne. Vor dem Bett betet die betrunkene Dirne; die Worte verwirren sich ihr im Munde, mit schwerer Stimme lallt sie: »Heilige Muttergottes, bitte für sie. Bitte, heilige Muttergottes. Bitte, Muttergottes, für die Heilige!«

Fünftes Kapitel.

Der Newski dehnt sich endlos im kalten Licht einer weißen Julinacht. Grimmigen Schatten gleich ragen die hohen Häuser zum bleiernen Himmel auf, in der Ferne ballt sich drohend die dunkle Masse des Admiralitätsturmes. Droschken jagen dahin, Autos gellen wild auf, Menschen kommen und gehen. Es ist weder Tag noch Nacht. Die Stunden, die schier ohne Übergang vom Abend zum Morgen gleiten, haben etwas Unheimliches, Feindseliges. Die Stadt gleicht trotz allem Treiben einem Gespensterort, wo Schatten die Straßen bevölkern, vom Grab befreite Tote lärmend ihre kurze Auferstehung feiern. Die erste Röte im Osten deucht Erlösung vom Banne der bösen Stunden, das Zwischenreich versinkt, eine lebendige Stadt der Lebendigen breitet sich der Sonne entgegen.

Leute strömen aus dem Theater, kommen von den Inseln gefahren. Hier und dort schreitet ein Polizist seine Runde ab, und dunkle Gestalten huschen tiefer in die Schatten der Häuser.

An einer Ecke steht ein kleiner Knabe mit einer Balalaika; verstimmt und falsch wimmern die Saiten, und eine dünne Kinderstimme singt:

»O schwarze Augen,
O schöne Augen!«

Seltsam klingt das schwermütig leidenschaftliche Lied aus Kindermund. Die kleinen Finger sind müde und greifen falsch. Schrille Mißtöne zittern durch die Nacht; immer heiserer wird die schwache Stimme.