Johannes lachte. »Wenn Dein Vater wüßte, daß Du Dir vom Sohn des alten Mendel Silberblatt Bücher ausleihst!«
»Mein Vater ist ein ...«, mit einem letzten Rest kindlicher Pietät verschluckte Lene den »Esel«, der ihr auf den Lippen lag. Das Verhältnis zwischen dem Gymnasialprofessor und seiner Jüngsten hatte sich in den letzten Jahren immer mehr zugespitzt, und Lenes Kritik machte vor keiner Autorität Halt. Dann wandte sie sich wieder dem Buch zu. »Johannes, daß es solche Menschen gibt, so mutig, so selbstlos, kannst Du Dir das vorstellen? Und das arme russische Volk. Du, man muß nach Rußland gehen und ihm helfen.«
»Weshalb nach Rußland gehen? Glaubst Du, unser Volk braucht keine Hilfe, glaubst Du, die Arbeiter des Grafen Stramwitz sind weniger geknechtet als die russischen Bauern?«
Sie sah ihn mit großen Augen an. »Das ist mir nie eingefallen. Johannes, weshalb sprachst Du mit mir nie über derlei Dinge?«
»Du bist doch ein Mädchen,« meinte er halb entschuldigend.
»Haben die russischen Frauen sich nicht auch für das Volk geopfert? Das ist eine faule Ausrede, sag' die Wahrheit.«
Johannes zögerte, schließlich bemerkte er: »Siehst Du, Lenchen, ich denke schon lange über diese Dinge nach, und – und sie sind für mich wie etwas Heiliges. Ich hatte Angst, Du würdest sie nicht verstehen, würdest am Ende darüber lachen, und das hätte mir weh getan.«
»Bin ich denn Ilse, die nur ans Heiraten denkt, oder Gustav mit seinem ewigen Mikroskop? Ich bin doch ein Mensch und auch kein Kind mehr.«
Er blickte sie sinnend an; sie war klein und zart geblieben, mit raschen, nervösen Bewegungen. Die Worte, die sie als kleines Mädchen der Mutter gegenüber ausgesprochen hatte: »Wenn ich groß bin, werde ich maßlos sein,« schienen sich zu verwirklichen. Die ehrbare Nüchternheit, die in strengen Grenzen gehaltene, für feierliche Gelegenheiten aufgesparte Begeisterung des Elternhauses waren ihr fremd; sie gab sich mit ursprünglicher Kraft jedem Eindruck ganz hin, haßte oder liebte, bewunderte oder verachtete aus allen Kräften ihrer jungen Seele. Einer kurzen Periode religiöser Begeisterung war für sie eine große Leere gefolgt, sie tastete, suchte nach etwas, das dem Leben Sinn verleihen konnte, ohne recht zu wissen, wonach es sie eigentlich verlangte.
»Du,« ihre Finger strichen schier liebkosend über das Buch, das auf ihren Knien lag, »der Anatol Silberblatt, glaubt der auch daran?«