»Freilich, von ihm weiß ich ja alles, was ich weiß. Wir haben oft darüber gesprochen, er hat mir Bücher geliehen ...«
»Wie kommt er auf solche Gedanken?«
»Das habe ich ihn auch gefragt; er meint, dies komme daher, weil er Jude sei, und da die Juden immer geknechtet und unterdrückt worden seien, verstanden sie die Armen und Gequälten besser.«
Lene schwieg, zog einen Apfel aus der Kiste und biß hinein. Plötzlich schien ihr ein Gedanke zu kommen, noch mit vollem Mund sagte sie:
»Johannes, wir müssen einen Bund schließen.«
»Einen Bund?«
Sie warf den Rest des Apfels zum Bodenfenster hinaus. »Ja, Du und ich und Anatol; wir müssen schwören, für das Volk zu leben, es zu befreien. Heimlich müssen wir zusammenkommen und aufs Evangelium schwören.«
»Das geht nicht, Du dummes Ding, er glaubt doch nicht ans Evangelium.«
Sie sah verblüfft drein. »Das ist wahr. Was macht man dann? Gibt es denn nichts, was den Juden und Christen gleich heilig ist?«
Johannes dachte nach; Lenes Frage eröffnete ihm einen neuen Horizont; es mußte doch etwas geben, in dem sich die Menschen aller Völker, aller Rassen und Glauben finden konnten, etwas, das für sie das Kruzifix des Rechtgläubigen, das Evangelium des Protestanten war. Lenes Worte durchschnitten seine Gedanken.