»Wenn man das Gute will, so ist es doch einerlei, was man ist, ob Jude oder Christ, Deutscher oder Russe; es muß etwas geben, das über allem steht, das die Menschen vereinigt.«

Johannes verharrte noch immer stumm. Seine Schweigsamkeit brachte Lene oft zur Verzweiflung; sie war nicht fürs Nachdenken, bei ihr mußte immer alles blitzartig, wie eine Erleuchtung kommen.

»Johannes,« drängte sie, »es muß doch etwas geben.«

Er hatte inzwischen in seinem Gehirn eine Lösung gefunden. »Ja, Anatol hat mir selbst davon erzählt, es ist mir nur nicht gleich eingefallen, Du schwätzt so viel und das verwirrt mich. Erinnerst Du Dich, Lenchen, wie Dein Vater neulich bei Tisch über die ›Internationale‹ schimpfte, die Leute Verräter, vaterlandslose Gesellen nannte?«

Lene zuckte die Achseln. »Der Vater schimpft immer, aber was hat das mit unserer Sache zu tun? Weshalb sprichst Du jetzt davon?«

»Weil die ›Internationale‹ das ist, in dem sich alle Menschen finden können, der heilige Bund, in dem es keine Nationen und Konfessionen gibt. Anatol kann Dir die Sache besser erklären, als ich.«

»Gut. Sag' ihm, um was es sich handelt. Am Sonntag machen die Eltern einen Ausflug, ich werde nicht mitgenommen, weil ich neulich gegen den dummen Affen, der Ilse heiraten soll, grob war, und Du sagst, Du müßtest lernen. Dann bringst Du den Anatol her, in ›unser Heim‹, und wir schließen den Bund und schwören auf die ›Internationale‹!«


Gustav Selder hob die kurzsichtigen, wasserblauen Augen von seinem Buch, als Johannes das gemeinsame Zimmer betrat und grinste mitleidig: »Was hast Du denn eigentlich angestellt, Johannes?«

»Ich?«