»Schweig! Du bist in einem christlichen loyalen Haus aufgewachsen, von gutem Beispiel umgeben. Ich selbst habe versucht, Dich zu einem treuen, redlichen Bürger zu erziehen. Dein Bruder trägt des Kaisers Rock und wird demnächst Oberleutnant werden, und Du, Du schreibst wie ein, wie ein ... Sozialist. Schäme Dich!«
»Aber ...«
»In diesem Haus kannst Du dergleichen nicht gehört haben, unsere Freunde, mit denen Du zusammentrafst, sind keine Mörder und Räuber, die ›Deutsche Tageszeitung‹, die ich Dir zu lesen gestattete, aus reiner Güte, denn einen Jungen Deines Alters geht es nichts an, was in der Welt geschieht, hat sicherlich niemals derartige Ansichten geäußert. Ich frage mich, wie ist es möglich, daß ein Kind unseres Hauses so verrucht sein kann? Wie ist es möglich?!«
»Ich ...«
»Schweig. Seit Monaten erregst Du meine Unzufriedenheit; immer sehe ich Dich mit diesem Judenbengel zusammenstecken. Was hat ein deutscher Jüngling mit einem Juden gemein? Die Juden sind Schädlinge am Körper unseres Volkes. Glaubst Du, daß Friedrich mit Juden verkehren würde, oder Gustav?«
Gustav schmunzelte vergnügt und brummte: »Warum denn nicht, wenn ich von ihnen etwas lernen kann.« Doch beachtete sein Vater diesen Einwurf nicht, mit sich überschlagender, kreischender Stimme fuhr er fort: »Dein Aufsatz hat mir bewiesen, daß unsere ganze liebende Sorge, all unsere Opfer vergeblich waren. Du bist kein Deutscher! Was Dich empören sollte, erfüllt Dich mit Bewunderung, was Du verdammen solltest, preist Du. Du bist ein verkommenes Subjekt, ein hergelaufener Bursche, gehörst nicht zu uns!«
Frau Selder warf ihrem Manne einen bewundernden Blick zu; wie gut er sprach, fast wie ein Pastor. Auch des Gymnasialprofessors Zorn entwich. Er fühlte sich groß und gewaltig, als gerechter Richter, und dies tat ihm wohl. Da ereignete sich ein Zwischenfall, der seinen Zorn von neuem entflammte. Eine helle Mädchenstimme schrie über den Tisch: »Nein, er gehört wirklich nicht zu euch, aber ich auch nicht, Gott sei Dank!«
Frau Selder sah ihre Tochter entsetzt an, Ilse machte sich ganz klein auf ihrem Stuhl, Gustav grinste schadenfroh.
»Helene!« Jedes weitere Wort blieb dem Gymnasialprofessor in der Kehle stecken.
»Um nichts in der Welt möchte ich zu euch gehören!« fuhr die zornige junge Stimme fort, »ihr seid gemein und niederträchtig. Dumme Kaiser und Könige verehrt ihr, ja, sie sind dumm und schlecht, und wahre Helden schmäht ihr. Ihr mästet euch vom Blute der Armen, saugt sie aus, lebt in Luxus und Üppigkeit ...«