Dem Gymnasialprofessor fiel jählings inmitten des entsetzten Zornes sein Gehalt ein. Mit dem Brustton tiefster Überzeugung schrie er: »Schweig, Helene, das ist nicht wahr!« Aber seine Tochter fuhr unbeirrt fort: »Ausbeuter seid ihr, Knechter des Proletariats, Liebediener der Fürsten. Unsere geknechteten Brüder im Osten suchen sich zu befreien, und ihr wollt es verhindern, weil euch um euer unrecht erworbenes Gut bang ist!«
Johannes konnte ein Lächeln nicht unterdrücken; Lene war eine gelehrige Schülerin. Der »Bund« gab natürlich eine Zeitung heraus, in drei Exemplaren, fein säuberlich mit der Hand geschrieben, und Lene zitierte fast wörtlich den von Anatol Silberblatt verfaßten Leitartikel. Der Gymnasialprofessor saß wie zu Stein erstarrt; seine Tochter, und woher hatte sie diese Ausdrücke: Proletariat, Ausbeuter, geknechtete Brüder im Osten? Er rang nach Atem, und erst als Lene, vom Leitartikel ablassend und wieder zu ihrem eigenen Sprachschatz zurückkehrend, rief: »Ihr seid schreckliche Menschen. Ich schäme mich, solche Eltern zu haben!« fand er Worte und befahl ihr, sofort das Zimmer zu verlassen. Sie ging, einen letzten Trumpf ausspielend, zog Johannes mit sich fort, reckte auf der Türschwelle die kleine Gestalt hoch empor: »Komm', Johannes, wir gehören nicht zu den Kapitalisten!«
Die anderen blieben verstört zurück. Frau Selder weinte, Ilse wagte nicht, die Augen zu heben, Gustav murmelte etwas wie »wichtige Schularbeit« und verließ hastig das Zimmer. Der Gymnasialprofessor ging mit großen Schritten auf und ab. Schließlich blieb er vor seiner Frau stehen: »Ein böser Geist ist in unser Haus gedrungen, Annie. Wir müssen die Kinder strenger halten. Ich begreife nicht, was Helene eingefallen ist.«
Frau Selder nickte noch immer schluchzend, dann fiel ihr Blick auf die Füße ihres Mannes: »Wilhelm, Du mußt Dir ein Paar neue Stiefel kaufen, ein drittesmal kann man sie nicht mehr sohlen.«
Der Gymnasialprofessor sah auf die abgewetzten Stiefel nieder. »Luxus und Üppigkeit, Ausbeuter, Kapitalisten!« schrie er jählings auf und schlug mit der geballten Faust wütend auf den Tisch.
Zehntes Kapitel.
Ilse Selder saß am Fenster und nähte an ihrer Ausstattung; bisweilen hob sie die linke Hand und betrachtete strahlenden Gesichtes den glatten goldenen Reif, der den Ringfinger schmückte. Lene kauerte in einer Sofaecke und blickte mit spöttischen Augen auf die Schwester.
»Also in vierzehn Tagen sind wir Dich endgültig los,« bemerkte sie schließlich liebenswürdig, »sag' einmal, Ilse, warum trägst Du eigentlich Trauer um Tante Margarete?«
Ihre Schwester schaute sie erstaunt an. »Es fehlen doch noch zehn Tage zum Trauerhalbjahr.«
»Ach so, richtig. Eigentlich mußt Du doch sehr froh sein, daß sie gestorben ist; ohne die Erbschaft hätte Dein Adolf Dich nie und nimmer geheiratet.«