Frau Selder trat ins Zimmer. »Kinder, was ist denn schon wieder los? Weshalb schreist Du so, Lene? Ich habe eine gute Nachricht erhalten, Friedrich kommt übermorgen.«
»Das auch noch,« murmelte Lene halblaut und schob sich vorsichtig in die Nähe der Tür.
»Wohin gehst Du, Lene? Es regnet.«
»Ich habe Besorgungen zu machen.«
»Dann bring uns Knöpfe mit und weiße Nähseide. Und bürste vorerst Dein Haar, Du siehst gar zu unordentlich aus.«
Ein kalter Herbstnachmittag hüllte die Stadt in trostlose Gräue. Von den entlaubten Bäumen perlten große Tropfen ab, die Häuser verschwammen im Nebel.
Lene hastete durch die Straßen, mit feindseligen Blicken betrachtete sie die wohlbekannten Häuser, die Vorübergehenden. Immer das gleiche Einerlei; farblos, öde, tot. Wird auch sie gleich der Schwester ihr Leben in dieser entsetzlichen Kleinstadt verbringen müssen?
Vor dem Papierladen des Herrn Silberblatt pfiff sie die ersten Takte der Marseillaise. Im ersten Stock öffnete sich ein Fenster, ein dunkler Kopf schaute heraus.
»Komm spazieren, Anatol!« rief sie hinauf.
»Bei dem Wetter!«