»Ich bin nun doch seit vielen Jahren bei euch, und als wir unten saßen, fühlte ich ganz deutlich, daß ihr mir alle fremd seid, ja, sogar Du, Lenchen, ich gehöre nicht zu euch, es ist dasselbe, wie in der Schule; stets war ich allen fremd, gehöre nirgends hin. Ich habe Heimweh und weiß nicht, wonach.«

»Vielleicht nach Rußland; aber daran kannst Du Dich ja gar nicht mehr erinnern.«

»Nein; bisweilen ist mir, als hätte ich Heimweh nach einem anderen Land, das ich noch vor Rußland gekannt habe, nach Menschen, die eine Sprache reden, die ich nie gehört habe. Weißt Du, Lene, wie mir oft zu Mute ist? Wie dem Ahasver, der wandern mußte, immer wandern, und niemals heimfand.«

Sie war nachdenklich geworden.

»Erinnerst Du Dich, was uns Anatol neulich schrieb; von der neuen Welt, die wir aufbauen müßten, der glücklichen gerechten Welt?«

»Ja, ich weiß nicht weshalb, aber wenn ich an diese Worte denke, sehe ich immer einen Hügel, auf dem eine Stadt liegt. Und von dieser Stadt strömt Licht nach der ganzen Welt hin.«

Lene lachte auf. »Ich weiß, was für ein Bild Du meinst; warte, ich werde es Dir gleich zeigen.« Sie kramte in der Bücherkiste und brachte ein altes illustriertes Liederbuch zum Vorschein. Die staubigen, vergilbten Blätter umwendend, fand sie das Bild. Von einer Anhöhe strebte ein gewaltiger Tempel auf, dessen Helle die tiefer liegende Landschaft erleuchtete. Die beiden Köpfe beugten sich über das Bild, und Lene las halblaut die erste Strophe des Kirchenliedes:

»Jerusalem, du hochgebaute Stadt ...«

Elftes Kapitel.

Strahlender Sonnenschein verklärte das banale ostpreußische Städtchen zu wundersamer Schönheit. Rosen und Nelken loderten in den kleinen Gärten, Malven wiegten gemächlich die dicken Köpfe im Winde, feierlich hieratische Lilien lächelten klösterlich und sandten fromme Düfte zum Himmel empor. An den Hecken blühte Jasmin in wilder Verschwendung, Blüte an Blüte, so dicht, daß kaum ein grünes Blatt zu sehen war.