»Daß Du fortkommst.«
»Ja. Hier ist es freilich angenehm ruhig zum Arbeiten, aber wenn ich an die Instrumente und Laboratorien denke, die es in Berlin gibt!« Die kurzsichtigen Augen leuchteten auf.
»Wirst Du dort auch den ganzen Tag über Deinen Büchern hocken?«
»Natürlich; was sollte ich denn sonst tun? Wenn mich nur der eklige Kerl, Ilses Schwager, mit seiner dummen Verbindung in Ruhe läßt! Wozu hat ihm denn der Vater geschrieben, daß ich nach Berlin komme?«
Lene lachte spöttisch. »Du naives Kind! Du sollst doch ›gute‹ Bekanntschaften machen, in die ›Gesellschaft‹ kommen. In Adalberts Verbindung sind fast lauter Aristokraten.«
Gustav blickte sie hilflos an. »Was soll ich denn mit den Leuten anfangen? Die wissen ja gar nichts, spielen, trinken, raufen und ...« Er stockte, suchte nach einem für Mädchenohren passenden Ausdruck. »Und vergnügen sich mit Weibern. Ja, wenn ich Empfehlungen an Professoren hätte!«
»Suche doch Anatol Silberblatt auf,« bemerkte Johannes, »er ist in einen interessanten Kreis geraten.«
»Ich mag Euren lieben Anatol nicht. Nein, nicht weil er Jude ist, Lene, Du brauchst mich nicht so wütend anzuschauen. Ich achte die Juden, sie haben wissenschaftlich viel geleistet; aber diese Burschen mit ihrem Weltbeglückungsfieber sind mir zuwider, sie schreien herum, meinen mit ihrem Reden wunder was zu erreichen, und schließlich bleibt doch alles beim alten. Was geht mich die Politik an? Es gibt nur eine Wahrheit auf der Welt: die Wissenschaft.«
»Aber wenn Du wählen sollst, Gustav, da mußt Du doch irgendeine Überzeugung haben!«
»Überzeugung? Erstens werde ich höchstwahrscheinlich nie wählen, das Ganze ist mir völlig gleichgültig; und wenn ich es dennoch täte, so würde ich den wählen, von dem für die Wissenschaft am meisten zu erhoffen ist.«