»Wie, sogar einen Sozialisten?«

»Weshalb denn nicht? Diese ganzen Parteisachen kommen mir höchst kindisch vor. Ja, Lene, ich weiß, daß ich Dich in Deinen heiligsten Gefühlen kränke; übrigens ist ein Sozialdemokrat für unser ehrbares, konservatives Haus gerade genug.«

Sie wurde dunkelrot.

»Was willst Du damit sagen?«

»Daß ich doch nicht so blind bin, wie Ihr alle glaubt, und sehr gut weiß, warum meine liebe Schwester am ersten Mai mit Kopfschmerzen schon um sieben Uhr zu Bett ging und um Gottes willen nicht gestört werden durfte. Glaubst Du, Du dummer Fratz, Du könntest in dieser Kleinstadt in die sozialdemokratischen Versammlungen gehen, ohne erkannt zu werden?«

Sie blickte ihn halb erschrocken, halb trotzig an. »Wirst Du es dem Vater sagen?«

»Weshalb sollte ich? Jeder kann tun, was er will, und, unter uns gesagt, ist mir der Vater mit seinem »Deutschland über alles« noch zuwiderer als Du mit Deinem »Volk«. Ich bin international, nein, nicht in Deinem Sinn, Vereinigung aller wissenschaftlich Arbeitenden zur Förderung der Wissenschaft. Übrigens bist Du ein interessanter Fall, Lene, lauter Pastoren und Schullehrer als Ahnen, und das letzte Produkt eine wilde Revolutionärin! Ein merkwürdiger Rückschlag, der vielleicht bis zu einem Ahnen aus der Steinzeit geht. Man müßte ...«

»Gustav, Du bist jetzt neunzehn Jahre alt, gibt es denn nichts auf der Welt, was Dich zu erwärmen vermag?«

Ein verblüffter Blick traf sie. »Wie dumm Du bist, meine Arbeit natürlich. Außerdem,« ein gutes Lächeln huschte über das unschöne Gesicht, »manchmal auch meine kleine Schwester. Jetzt, wo ich fortgehe, merke ich erst, daß ich die zwei Narren der Familie, Dich und Johannes recht lieb habe.«

Sie schnellte auf und umschlang ihn stürmisch: »Du bist also doch ein Mensch, Gustav!«