»Vorsicht, Lene, meine Brille!«
Johannes hatte die Kerze verlöscht, fahler Mondschein erfüllte das Zimmer mit kaltem Licht; unheimliche Schatten huschten über die Wände. Durch das geöffnete Fenster trug der sanfte Nachtwind den Duft frischgeschnittenen Heues herein. Johannes starrte auf die verödete Straße, die gleich einer dunklen Schlucht in die schwarze Unendlichkeit zu münden schien. Hier und dort war noch ein Zimmer erleuchtet; ängstliche, zaghafte Lichter kämpften gegen die Nacht.
Heute nachmittag war Gustav fortgefahren. Die ganze Familie hatte ihn zum Bahnhof begleitet; der Gymnasialprofessor, stolz auf den Sohn, der sein Abiturium mit Auszeichnung bestanden hatte, redete laut und eindringlich, als ob die letzten guten Lehren auch den Gepäckträgern galten; Frau Selder gab sich einer wehmütig-freudigen Rührung hin, und Lene versetzte alle in Erstaunen, indem sie in Tränen ausbrach, als sich der Zug in Bewegung setzte.
»Das gute Kind,« flüsterte Frau Selder ihrem Manne zu, »es hat doch Familiensinn.« Und Lene drückte Johannes' Arm schmerzhaft zusammen: »Der kann fort und ich muß hier bleiben. Mein Gott, wenn man doch keine Familie hätte!«
Johannes lächelte vor sich hin, ihm war die kleine Szene eingefallen, die sich gestern abend zwischen Vater und Sohn abgespielt hatte. Er und Gustav lagen bereits zu Bett, da trat der Gymnasialprofessor ein und ließ sich neben dem Tisch nieder. Er schien gerührt und etwas verlegen. »Du gehst jetzt in die große Welt, Gustav, vergiß auch dort nicht die Lehren Deines Elternhauses. Du wirst allerhand Menschen kennen lernen, vergiß nie, daß Du ein evangelischer Christ und ein Deutscher bist.«
Gustav murmelte etwas Unverständliches zwischen den Kissen hervor.
Der Gymnasialprofessor erhob sich und schritt im Zimmer auf und ab. Er räusperte sich etliche Male, blieb beim Waschtisch stehen, stellte das Glas von der einen auf die andere Seite und fuhr schließlich fort: »Eine der Eigenheiten, die uns Deutsche besonders günstig von den anderen Nationen unterscheidet, ist unser schönes reines Familienleben.« Er stockte, sah sich hilfesuchend im Zimmer um. Gustav grinste boshaft. »Du wirst, wie ich Dir bereits sagte, allerlei Menschen treffen ... Menschen ... ich meine ... nicht nur Männer. Die Gefahren der Großstadt ... Nicht alle Frauen gleichen Deiner lieben Mutter und Deinen Schwestern. Es gibt auch ...« Er stockte abermals.
»Huren!« ergänzte Gustav gelassen. »Ich weiß schon, was Du sagen willst, Vater. Mache Dir keine Sorgen um mich. Ich kann Weiber ohnehin nicht leiden, sie vergeuden einem die kostbare Zeit, und lernen kann man von ihnen auch nichts. Außerdem ist es ein wissenschaftlich viel umstrittener Punkt, ob es gesünder sei, Enthaltsamkeit zu wahren, oder nicht, Forel zum Beispiel widerspricht dem Professor ...«
Der Gymnasialprofessor war bis zur Tür geflohen, nun riß er sie auf. »Gute Nacht, Gustav,« unterbrach er den Sohn, »gute Nacht, Johannes!« – –