Johannes war wieder ernst geworden; er gedachte des Kameraden, der nun durch die Nacht fuhr. Morgen würde er in Berlin eintreffen. Gustav begann nun sein eigenes Leben. Die ganze Welt lag vor ihm und viele, lange Jahre, in denen er sich mit dieser Welt auseinandersetzen konnte. Wie gelassen war er diesem Gedanken gegenüber! Für ihn bedeutete die Welt seine geliebte Wissenschaft, er blickte nicht nach links, nicht nach rechts, ging eine gerade, ebene Straße zwischen zwei hohen Mauern dahin, hielt sich fern vom Leben, blieb den Menschen gegenüber fremd. Doch ihn störte dieses Fremdsein, das Johannes so quälte, nicht im geringsten. Er sah die Menschen gar nicht, ahnte nichts von ihren Schmerzen, ihrem Glück.

In einem Jahr würde dann auch er selbst hinausziehen in die Welt; er atmete tief auf. War es nicht wie ein Sprung in ein ungeheures schwarzes Meer mit drohenden Wogen? Würde seine Kraft nicht versagen? Und wohin würden ihn die Wogen treiben, wohin strebte er? Er war anders geartet als Gustav, sein Studium konnte ihm nicht alles bedeuten. Was wollte er eigentlich? Er dachte an Lene: »Ich will den Menschen helfen, für die bessere Welt kämpfen,« hatte sie unlängst gesagt. Sie glaubte an einen Sieg. Ihrer trotzig frohen Natur behagte der Kampf. »Den Menschen helfen«, ja, das wollte auch er, doch mußte er hierzu ihnen nicht erst näher kommen?

Ein Helfen von oben herab widerstrebte ihm. Man mußte inmitten der Masse stehen, mit ihr, nicht nur für sie kämpfen. Anatol Silberblatt kam ihm in den Sinn, der schrieb begeisterte Briefe aus Berlin: »Ich nehme Teil an der Arbeiterbewegung, wir treiben Propaganda, halten Versammlungen ab, klären die Massen auf. Es sind viele Russen an der Universität, die verstehen sich auf revolutionäre Arbeit. Es ist gut, daß Du ein Jahr in der Schule erspart hast, komm' bald zu uns.« Der glaubte auch an seine Arbeit, an die Erreichung des Zieles, an die angewendeten Mittel. Propaganda? Seit Jahrzehnten wurde Propaganda getrieben, wurden Versammlungen abgehalten, die Massen aufgeklärt. Und dennoch waren die Armen heute elender, die Entrechteten geknechteter denn je. In den Händen der Wenigen lag das Schicksal der Vielen; der Reichtum des Landes floß nicht, ein gesegneter Strom, durch alle Schichten, sondern lastete als erdrückende Bürde auf darbenden, abgearbeiteten Leibern. Der in Jahrhunderten errungene Fortschritt war kaum zu bemerken. Ging dies derart weiter, so wurden Generationen um Generationen geopfert, ehe das Reich der Gerechtigkeit kam. Was aber konnte an Stelle der Propaganda durch das Wort gesetzt werden? Verschwommen durchzuckte ein Satz sein Gehirn: »Die Propaganda durch die Tat!« Nein, auch die Tat des einzelnen brachte keine Rettung, was hatten Kaliajews, Sasonows heldenmütige Handlungen Rußland genützt? Sie hatten erreicht, daß eine verängstete, um Leben und Güter bangende Bourgeoisie sich noch enger zusammenschloß, eine kompaktere Masse bildete, die noch schwerer zu bekämpfen war. Wie, wodurch konnte der Sieg errungen werden?

Johannes warf einen Blick durchs Fenster. Wie kalt und grausam der Mond am Himmel stand! Glich er nicht einem unbarmherzigen Herrscher, der gelassen und fühllos, sich seiner Macht bewußt, auf die ringenden, leidenden, gefolterten Untertanen herabsah? Eine kleine Wolke wurde vom Wind gegen den Mond getrieben, für einen Augenblick verschwand er, dann zeigte er triumphierend, mit bösem Grinsen, von neuem seine boshafte, totstarre Fratze. Ein seltsames Gefühl überkam Johannes: würde es den Wolken gelingen, dieses bosheitsatmende Gebilde zu vernichten? Gespannt starrte er zum Himmel hinauf. Wolke um Wolke warf sich gegen das furchtbare Gesicht, zerstob vor den fahlen Strahlen, die gleich Lanzen in das flaumige Wolkenweiß stachen. Im Westen jedoch ballten sich schwarz und gewitterdrohend immer mehr Wolken zusammen. Von allen Ecken und Enden des Himmels kamen sie nun geflogen, Wind erhob sich, eine gewaltige, schwarze Masse wälzte sich gegen den Mond vor. Ein Blitz zerriß den Himmel. Und nun hatte die schwarze Masse den Mond erreicht, sie überflutete ihn, riß ihn in ihr dunkles, brodelndes Meer. Er verschwand. Ein heftiger Donnerschlag dröhnte durch die Nacht, heulend warf sich der Sturm gegen die Häuser. Das Gewitter hatte gesiegt!

Zwölftes Kapitel.

Lene Selder stieg rasch die Treppen hinauf, die in der großen Berliner Mietskaserne zum vierten Stock führten. Das Gebäude lag in einem ärmlichen Viertel, in die enge Gasse fiel keine Sonne, und an diesem kalten winterlichen Vormittag erschienen Gasse und Häuser besonders trostlos. Eine unordentliche, ungekämmte Frau scheuerte die Treppe: »Herr Selder, der wohnt im vierten Stock, die zweite Tür links.«

Lene klopfte. Keine Antwort. Sollte Johannes noch schlafen? Sie klopfte abermals, dann rüttelte sie an der Klinke.

Die Tür des Nebenzimmers wurde geöffnet, ein dunkler Kopf schaute heraus: »Er ist nicht daheim, kommt gegen Mittag zurück. Herrgott, Lene! Was machst denn Du hier?«

»Anatol! Wohnst Du denn auch hier? Laß mich hinein, ich bin eben mit dem Frühzug angekommen und ganz durchgefroren.«

Anatol Silberblatt trat auf den Korridor; er sah müde und verschlafen aus. »Wie kommst denn Du nach Berlin?«